Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße
1. Andreas Cornaro, Die Wiener Stadterweiterung. Ein geschichtlicher Überblick
Im Jänner 1858 wurde ein Konkurs zur Erlangung eines Planes für die Verbauung des gesamten Stadterweiterungsgeländes entsprechend den im Handschreiben genannten Forderungen ausgeschrieben (Kat. Nr. 1/5), der in der Öffentlichkeit großes Interesse erregte. Es wurden bis zum Herbst insgesamt 85 Projekte eingereicht (Kat. Nr. 1/6). Die aus Vertretern der Ministerien und unabhängigen Fachleuten zusammengesetzte Jury verteilte die drei ausgeschriebenen Preise ex aequo an die Projekte von Förster, von dem damals in Wien führenden Architektenteam Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg, sowie vom Architekten Friedrich August Stäche, dem späteren Gründer des Wiener Künstlerhauses. Außerdem wurden noch einige Projekte, die originelle, aber nicht im Programm vorgesehene Ideen enthielten, durch zusätzliche Belohnungen ausgezeichnet, darunter das des k. k. Landesbaudirektors der Steiermark Martin Kink (Kat. Nr. 1/7, 1/8, 1/9), der den Ringstraßenbau mit einer Donauregulierung zu kombinieren und die Stadtausweitung dorthin zu lenken vorschlug, und des Generaldirektors der königlich-preußischen Hofgärten Peter Josef Lenné, der das Fortifikationsareal als Gartenzone ausgestalten wollte, durch die die Ringstraße sich in malerischen, aber ver- kehrsbehindemden Windungen schlängeln sollte. Da keines der ausgezeichneten Projekte zur direkten Ausführung entsprechend befunden wurde, wurde unter Heranziehung der Preisträger eine neue Kommission gebildet, die aus den vorliegenden Projekten einen Kompromiß ausarbeitete, der dem Kaiser mit a. u. Vortrag vom 17. 5. 1859 unterbreitet wurde (Kat. Nr. 1/10). Durch den damals ausbrechenden Krieg mit Frankreich in Oberitalien wurde die kaiserliche Entschließung darüber verzögert, erst am 8. Oktober erhielt der noch in einigen Punkten nach Wünschen Franz Josephs modifizierte Grundplan für die Gestaltung des Stadterweiterungsgeländes die kaiserliche Genehmigung. In diesem Grundplan ist di£ genaue Trasse der Ringstraße endgültig festgelegt, in der anschließenden Verbauung gab es im Lauf der nächsten Jahrzehnte natürlich noch viele Veränderungen (Kat. Nr. 1/11). Der verlorene Krieg gegen Napoleon III. im Jahre 1859 bedeutete das Ende des Neoabsolutismus und hatte im August den Rücktritt des Innenministers Bach zur Folge. Die Stadterweiterung war ein spezielles Anliegen Bachs gewesen, der an den betreffenden Sitzungen oft persönlich teilgenommen hatte. Sein Nachfolger Goluchowski hatte dafür kein persönliches Interesse, aber Bachs Mitarbeiter Lasser und Matzinger waren noch tätig und konnten die staatliche Oberleitung und die Fondsfinanzierung gegen die nun einsetzenden Angriffe bewahren. Als Rivale traten nun nicht mehr wie unter Bach Militär und Finanzministerium auf, sondern die Stadt Wien, bei der man der Meinung war, daß nach der Gemeindeordnung von 1850 die ganze Stadterwei- terung eigentlich in die Kompetenz der Gemeinde gehöre. Die entscheidende Stelle bei diesem Unternehmen war aber inzwischen der noch unter Bach gegründete Stadterweiterungsfonds geworden, an den mit kaiserlicher Entschließung vom 14. 5. 1859 der bisher dem Militärärar gehörende gesamte Fortifikationsgrund übertragen worden war. Da der Fonds somit für Verkauf 12