Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße
1. Andreas Cornaro, Die Wiener Stadterweiterung. Ein geschichtlicher Überblick
der Alservorstadt parzelliert und als Baugrund feilgeboten. Es entstanden in den folgenden Jahren unter dem Namen „Neu-Wien“ die Häuserblöcke zwischen der Berggasse, die bisher die Grenze zwischen Vorstadt und Glacis gebildet hatte, und der heutigen Türkenstraße. Der Verkauf ging aber sehr schleppend vor sich, da bei den ständigen Gerüchten über eine bevorstehende Stadterweiterung die Baulustigen auf die bevorzugten Baugründe bei der Inneren Stadt warteten. Ein viel auffallenderer Schritt zur nichtmilitärischen Nutzung des Glacis geschah 1855, als auf dessen Fläche vor dem Schottentor die zu errichtende Votivkirche ihren Bauplatz erhielt (Kat. Nr. 1/1 und 1/2). 1856 riß der Innenminister Alexander Freiherr von Bach, damals das bedeutendste und einflußreichste Mitglied der Regierung, die Initiative in der Frage einer Stadterweiterung an sich und bootete die vorher mit diesem Problem ausschließlich beschäftigten Militärbehörden und das Finanzministerium weitgehend aus. Seine wichtigsten Mitarbeiter in dieser Sache waren Josef Lasser von Zollheim, der spätere Innenminister im Kabinett Auersperg, und Sektionsrat Dr. Franz Matzinger (Kat. Nr. 7/7). Nachdem Bach den Kaiser für seine Ideen gewonnen hatte, ließ er während des Jahres 1857 in langen Verhandlungen durch Matzinger den Text eines kaiserlichen Handschreibens ausarbeiten, das schließlich mit der bekannten Einleitung „Es ist Mein Wille..am 20. Dezember ganz überraschend für die Öffentlichkeit verlautbart wurde und den tatsächlichen Beginn der Ringstraßenzeit bedeutet (Kat. Nr. 1/4). Das im Kreis um Bach entwickelte Programm spiegelt sich in den Anordnungen dieses Handschreibens wieder. Abweichend von den bisherigen Vorstellungen sollen die Befestigungen völlig aufgelassen und das gesamte Fortifika- tionsareal verbaut werden, sodaß Innere Stadt und Vorstädte - die seit 1850 eine Gemeinde bildeten - zusammenwachsen. Im Gegensatz zu dem engen Gassengewirr der Altstadt soll dieses Gelände durch einen breiten Kai am Donaukanal, einen im Anschluß an diesen rings um die innere Stadt geführten Boulevard von 40 Klaftern Breite und regelmäßige mindestens 8 Klafter breite Nebenstraßen gegliedert, dabei aber Plätze für Gartenanlagen, Markhallen und eine Reihe von namentlich aufgezählten öffentlichen Gebäuden reserviert werden. Auf Einfluß von Seiten des Militärs sind noch die Bestimmungen zurückzuführen, daß bei der Augartenbrücke eine zweite Defensionskaserne erbaut werden und das Glacisgelände bei der Franz-Josephs-Kaseme, vor dem Burgtor und auf dem Paradeplatz unverbaut bleiben soll. Interessant ist Bachs Idee für die Finanzierung dieses großen Unternehmens bei der infolge des Krimkrieges sehr angespannten finanziellen Lage des Staates. Im Gegensatz zu den Anschauungen des Finanzministers Karl Ludwig Freiherm von Bruck, der dazu ein Kapitalistenkonsortium heranziehen wollte, sollen nun die dabei anfallenden staatlichen Ausgaben aus einem eigenen von Finanzministerium und dem defizitären Budget unabhängigen Fonds erfolgen, der aus dem Erlös der Baugrundverkäufe in der Stadterweiterungszone gespeist wird. 11