Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße

1. Andreas Cornaro, Die Wiener Stadterweiterung. Ein geschichtlicher Überblick

rasch zu entfernenden Unterkünften für die Stadtguardi entstanden nämlich in der langen Friedensepoche allenthalben auf dem Baukörper der Befestigung auf sitzende gemauerte Wohnhäuser für die Zivilbevölkerung, ja zuletzt sogar Palais, wie die Albertina oder das Coburgpalais. Da die Türkengefahr gebannt war, gab es zwar schon im 18. Jahrhundert Vorschläge die Festungswerke zu beseitigen und die Innenstadt mit den Vor­städten zusammenwachsen zu lassen, jedoch blieb der Festungscharakter Wiens bis Anfang des 19. Jahrhunderts unverändert. Damals aber erwiesen sich die inzwischen veralteten Befestigungen Napoleon gegenüber ungenü­gend, der die Stadt zweimal ohne Schwierigkeiten einnahm. 1809 sprengten die Franzosen vor ihrem Abzug die Burgbastei und die anschließenden Befesti­gungen. 1817 hob daher Kaiser Franz Wien als Festung auf und erklärte es bloß zu einer „geschlossenen Stadt“. Die Mauern wurden zwar wiederhergestellt, die Grabenbefestigungen aber aufgelassen, wobei das Glacis an Fläche gewann. Vor der Hofburg wurden die Mauern mit dem neuerbauten Burgtor weit in das Glacis vorgeschoben, wodurch statt der demolierten Burgbastei der heutige Heldenplatz und als seitliche Begrenzung zwei Parkanlagen an Stelle der ehemaligen Zwischenwerke angelegt werden konnten. Das war die einzige Erweiterung, die an dem Mauerring des 16. Jahrhunderts tatsächlich vorgenommen wurde. Im Laufe der nächsten vier Jahrzehnte wur­den, verursacht durch die in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts allgemein beklagte Wohnungsnot in Wien, wiederholt von verschiedenen Seiten Projekte von Stadterweiterungen vorgeschlagen, aber nichts davon realisiert. Die Pro­jekte setzten die Mauern der Inneren Stadt als selbstverständlich voraus, die sie an einer günstigen Stelle ein Stück auf das Glacis vorschieben wollten, um Grund für neue Bauten zu gewinnen. Der wichtigste dieser Planer war der Architekt und Gründer der „Allgemeinen Bauzeitung“ Prof. Christian Fried­rich Förster, der acht verschiedene Projekte ausarbeitete und die Notwendig­keit einer Stadterweiterung der Öffentlichkeit bewußt machte. Entscheidend für das Fortifikationsgelände sollte die auf 1848 folgende Periode des Neoabsolutismus werden. Obwohl die Festungswerke in den Kämpfen des Revolutionsjahres sich nicht sonderlich bewährt hatten, wollten die Militärbehörden nicht auf sie verzichten; nicht mehr zur militärischen Verteidigung gegen einen äußeren Feind, sondern als Rückhalt der Truppen bei inneren Unruhen, um die Innenstadt nötigenfalls abzusperren oder gegen Insurgenten aus den Vorstädten zu behaupten. Besser als die veralteten Bastei­en erschien für diesen Zweck damals allerdings ein System von als Bollwerken angelegten sogenannten Defensionskasemen und tatsächlich wurde 1854-57 auf der Dominikaner- und der ihr benachbarten Biberbastei eine solche unter dem Namen Franz-Josephs-Kaserne erbaut. Andauernde Verhandlungen der Ministerien des Handels und der Finanzen mit den Militärbehörden wegen Erweiterung der inneren Stadt auf die Glacisgründe führten zu keinem prakti­schen Ergebnis. Die einzige damals zustandegekommende Verbaung am Glacis erfolgte an der Vorstadtseite. 1853 wurde der militärärarische Grund entlang 10

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