Österreich im Nationalsozialismus – Dokumente zur Wirtschaft 1938-45

Gedanken zur Ausstellung

gebeugt und sich vertraglich verpflichtet, österreichische Nationalsozialisten "zur Mitwirkung an der politischen Verantwortung heranzuziehen". Kaum zwei Jahre später war die innen- und außenpolitische Position Österreichs so weit ge­schwächt, daß Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg in der Unterredung vom 12. Februar 1938 mit Adolf Hitler sämtlichen nationalsozialistischen Forderun­gen nachgab. Am 13. März 1938 gab es in der für 17.00 Uhr anberaumten letzten, der 1.071. Sitzung des Ministerrates nur mehr einen einzigen Tagesordnungspunkt: Der Reichsstatthalter Dr. Seyss-Inquart stellt den Antrag, das Bundesverfassungs­gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich auf Grund des Ermächtigungsgesetzes zu erlassen. Das Gesetz entspräche, wie Seyss- Inquart betont, nicht nur den "Wünschen der österreichischen Bundesregierung sondern auch den Ansprüchen des deutschen Volkes in Österreich, dessen Kampf­und Leidenszeit nunmehr beendet sei."* Nach nur fünfminütiger Sitzungsdauer genehmigte der Ministerrat den Antrag und besiegelte formell die leidvolle Zukunft Österreichs, das durch Artikel 1 des neuen Gesetzes ein Land des Deutschen Reiches wurde. Bereits in den ersten Tagen nach dem "Anschluß" Österreichs an das Deutsche Reich entfalteten die Nationalsozialisten eine rege Behördentätigkeit, um das gesamte politische und gesellschaftliche Leben "gleichzuschalten" und unter die Kontrolle der Partei zu bekommen. Spendenaufrufe für Adolf Hitler, für die alle Minister nicht nur zu werben, sondern - nach Anweisung des neu eingesetzten Reichskommissars für die Wiedervereinigung Josef Biirckel - bei den über ganz Wien verstreuten Sammelstellen auch persönlich anwesend zu sein hatten, ver­stärkten nach außen das Bild eines einigen Volkes, das sich freiwillig zu Adolf Hitler bekannte. In Wirklichkeit bekamen die Österreicher erstmals die Repres­sions- und Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten zu spüren. Ihre orga­nisatorische und bürokratische Gründlichkeit wurde reines Instrumentarium der Unterdrückung und Überwachung. Den wohl größten propagandistischen Erfolg erzielte Adolf Hitler bei der Volksabstimmung vom 10. April 1938, bei der sich - nach Ausschaltung jeglicher demokratischer Kräfte und deklarierter Gegner des Nationalsozialismus - 99,73 % der Österreicher für die am "13. März 1938 vollzogene Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reich" aussprachen. Die "Einverleibung" Österreichs verbesserte nicht nur die militärstrategische, sondern stärkte auch die handelspolitische Position Hitlers in Europa, vor allem * AdR, Ministerratsprotokolle, 1.071. Sitzung des Ministerrates vom 13. März 1938, K 207 8

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