Walter A. Schwarz: „Vergänglicher Glanz…“, Altösterreichs Orden
Einführung in die Geschichte der Orden und Ehrenzeichen - 1. Der Orden vom Goldenen Vlies
wurde an einem von einem Drachen bewachten Baum aufgehängt. Um dieses Widderfell nach Griechenland heimzuholen, zogen die 50 nach ihrem Schiff „Argo“ benannten Argonauten, die großen Helden der Griechen, unter der Führung Jasons aus. In Kolchis angelangt versprach Aietes Jason das Goldene Vlies, wenn er zwei feuerschnaubende Stiere vor einen eisernen Pflug spanne und die aus der Saat von Drachenzähnen geborenen Krieger töte. Unter Zuhilfenahme eines ihm von Medea, der Tochter Aietes, übergebenen Zaubermittels erfüllte Jason die Bedingungen. Als der König ihm das Vlies trotzdem verweigerte, schläferte Medea den Drachen mit einem Zaubermittel ein. So gelang es Jason das Vlies in seinen Besitz zu bringen und auf vielen Umwegen wieder nach Orchomenos zu holen. Es darf vermutet werden, dass Herzog Philipp mit der Stiftung dieses Ordens und dessen sagenumwobener Geschichte seine Soldaten zu besonderer Tapferkeit gleich jener der Argonauten aneifern wollte. Eine andere - christliche - Deutung ist ebenfalls überliefert und wird diesen Orden wohl auch weiter durch die Jahrhunderte begleiten. Bischof Jean Germain von Chalon, der erste Kanzler des Ordens, verwies auf Gideon, der, wie dem Buch Richter des Alten Testaments, Kap. 6, Vers 37, 38 zu entnehmen ist, von Gott als Zeichen seiner Wahl zum Retter Israels fordert, es möge ein von ihm auf der Tenne ausgelegtes Vlies am Morgen von Tau benetzt, der Boden jedoch trocken bleiben.24 Diese Überlieferung wurde schon sehr früh als eine Metapher für die wunderbare und unbefleckte Empfängnis Mariä herangezogen und gab nun dem Orden, was dessen Namen und Kleinod anbetraf, eine eindringliche religiöse Erklärung. Der zweite Kanzler des Ordens, Guillaume Fillastre, Bischof von Tournai und Abt von Saint-Bertin in Saint-Omer, führte darüber hinausgehend noch weitere Vliese in der Heiligen Schrift an (1 Moses 30, 32; 2 Könige 3, 4; Hiob 31, 20; Psalm 71 [72], 6), was ihn dazu veranlasste, in jedem dieser nun sechs Vliese - dem aus der Argonautensage und den fünf des Alten Testaments - eine Tugend zu erkennen. Diese wollte er jeweils in einem seines auf sechs Traktate geplanten Werkes behandeln. Jedoch nur drei dieser Bände vermochte er zu beenden. Philipp von Burgund hatte bei der Stiftung des Ordens bestimmt, dass nach dem Aussterben der männlichen Linie seines Geschlechtes der Gemahl der Tochter und Erbin des letzten Souveräns Oberhaupt des Ordens sein sollte. Dieser Verfügung entsprechend, gelangte der Orden durch die am 19. August 1477 erfolgte Vermählung Maximilians I. mit Maria, Erbtochter des letzten Herzogs von Burgund, Carls des Kühnen, an das Haus Habsburg. Nach seines Enkels, Karl V., Thronentsagung blieb die spanische Linie im Besitz des Ordens. Als diese Linie mit Karl II. 1700 ausstarb, fiel die Sukzession auf den spanischen Thron, nebst der Souveränschaft des Ordens an Karl III., den nachmaligen Kaiser Karl VI. Dieser konnte sich zwar nicht im Besitz der spanischen Monarchie behaupten, blieb aber Oberhaupt des Vgl. F i 11 i t z , Hermann: Der Schatz des Ordens vom Goldenen Vlies. Katalog zur Ausstellung der Creditanstalt-Bankverein und des Kunsthistorischen Museums (Salzburg/Wien 1988), S. 12, i. Folg. zit. als F i 11 i t z : Schatz. 16