Szilágyi András (szerk.): Ars Decorativa 26. (Budapest, 2008)

András SZILÁGYI: Vergänglichkeit, Treue, Tod. Kunstwerke mit allegorischen Darstellungen aus dem 17. Jahrhundert

Erschrick nicht vor dem Liebeszeichen, Es trägt unser künftig Bild, Vor dem nur die allein erbleichen, Bey welchen die Vernunft nichts gilt. Wie schickt sich aber Eiss und Flammen? Wie reimt sich Lieb und Tod zusammen? Es schickt und reimt sich gar zu schön, Denn beide sind von gleicher Stärcke Und spielen ihre Wunderwercke Mit allen, die auf Erden gehn. Ich gebe dir dies Pfand zur Lehre: Das Gold bedeutet feste Treu, Der Ring, dass uns die Zeit verehre, Die Taubchen, wie vergnügt man sey; Der Kopf erinnert dich des Lebens Im Grab ist aller Wunsch vergebens, Drum lieb und lebe, weil man kan, Wer weis, wie bald wir wandern müssen! Das Leben steckt im treuen Küssen, Ach, fang den Augenblick noch an! 21 Das Schmuckstück, das sich beim Lesen dieser gefühlsgeladenen, inspirierten Zeilen in unseren Vorstellung abzeichnet, ähnelt tatsächlich in vieler Hinsicht dem zur Frage stehenden Stück, dem „Giftring" der Sammlung Esterházy. Trotzdem zeigen sich dabei auch einige auffällige Unterschiede. Im Gedicht von J. C. Günther ist keine Rede davon - nicht einmal als versteckter Hinweis -, dass das Schmuckstück auch durch irgendeine Darstellung von biblischem (neutestamentarischem) Thema dekoriert gewesen sein soll. Demgegenüber tritt in Zeile 14 ein Motiv - die Taubchen, also sicherlich ein Taubenpaar - auf, das unter den Motiven unseres Stücks nicht vorkommt. Dieses Motiv ließe sich im Fall eines kleinen Frauen­ringes schwerlich als plastische Darstellung (als Relief) denken. Viel wahrscheinlicher dürfte es, ähnlich wie bei unserem Stück die Szenen der Vorhölle und des Purgatoriums, d.h. in Emailmalerei dargestellt gewesen sein. Bei der Untersuchung der Ähnlichkeiten und Unterschiede dürfen wir es nicht ver­säumen, auch den heute bekannten, bis in unsere Tage erhaltenen Denkmalbestand zu berücksichtigen. Es erscheint uns daher wichtig und nützlich, unser Forschungs­objekt, den „Giftring" der Sammlung Esterházy, mit mehr oder weniger analogen Schöpfungen aus der zeitgleichen (oder annähernd zeitgleichen) Produktion der europäischen Goldschmiedekunst zu ver­gleichen. In den großen Museen Europas finden sich zahlreiche, meist emaillierte Goldringe, deren hervorgehobene Dekora­tion aus einem Totenkopf (seltener aus einem Skelett) besteht und die ziemlich häufig ein geflügeltes Wort als Inschrift tra­gen: „Mementó mori". In der Fachliteratur werden diese im allgemeinen „Trauer-Ring" bzw. „Mourning Ring" oder „Mementó mori-Ring" genannt. Unter den charakteris­tischen, verhältnismäßig häufigen Bei­spielen dieses Objekttyps wollen wir uns hier auf ein Stück berufen, das hinsichtlich der Datierung, der vermutlichen Entste­hungszeit unserem Schmuckstück nicht fern steht: auf einen der Ringe des Frankfurter Museums für Angewandte Kunst, die in der Fachliteratur in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderte datiert wird. 22 (Abb. 11) 11. Memento mori-Ring. Gold, stellenweise mit weißem Email. Französische (?) Arbeit, zweite Hälfte des 16. fahrhunderts. Frankfurt am Main, Museum für Angewandte Kunst

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