Szilágyi András (szerk.): Ars Decorativa 26. (Budapest, 2008)
András SZILÁGYI: Vergänglichkeit, Treue, Tod. Kunstwerke mit allegorischen Darstellungen aus dem 17. Jahrhundert
spirituellen Sensibilität - die beiden Darstellungen verbunden, die nach Berührung, Erfassung und Öffnung des Deckels sichtbar werden. Versuchen wir nun diese Szenen nach den auch in der Barockzeit gültigen Traditionen der wohl bekannten christlichen Auffassung zu interpretieren. Dem göttlichen Erlösungswerk (und dessen Gnade) können wir teilhaftig - und aus dem Fegefeuer gerettet - werden, sofern unsere Sünden getilgt werden. Als Sterbliche auf Erden sind wir alle Sünder. Wir können unsere Hoffnung darin setzen, dass - nach Bekenntnis unserer Sünden und nach reuiger Buße - die Tugenden, die wir in unserem Leben ausübten, unsere Sünden aufwiegen. Unter Tugenden ist in diesem Zusammenhang eine der christlichen Tugenden, die Treue bis an den Tod zu verstehen. Es fragt sich nun, ob diese biblischen Vorstellungen und Anspielungen seinerzeit, bei der Ubergabe Schmuckstücks als ein persönliches Geschenk, auch wörtlich formuliert wurden. Die Antwort ist uns selbstverständlich nicht bekannt, aber wir würden die Frage eher verneinen. Falls eine „verbale Mitteilung" überhaupt nötig war, scheint es uns viel wahrscheinlicher, dass dabei eine Schöpfung der klassischen antiken oder der frühneuzeitlichen (neulateinischen?) Literatur bzw. ein passendes Detail davon aus dem Mund des Überbringers des Geschenks erklang. Zum Beispiel die oft zitierten Zeilen einer bekannten Ode von Horaz (Carm. I, 13. Ad Lydiam), die im 16. und 17. Jahrhundert oft zitiert wurden (17-20): „Felkes ter et amplius, quos inrupta tenet copula, nec malis divolsus querimoniis suprema citius solvet amor die." Dreimal selig sind die allein, Die untrennbar ein Band inniger Liebe eint, Das kein trauriger Zwist bedroht, Das nicht früher zerreißt, ehe der Tod es löst. Horaz, Oden, I, 13, 17-20. (Deutsch von Franz Burger) Statt auf verschiedene Schöpfungen der frühbarocken Liebeslyrik aus Ungarn wollen wir uns lieber auf ein deutsches Gedicht berufen, das zwar lange nach dem hier behandelten Schmuckstück verfasst wurde, aber nach Titel, Thema und Entstehungsumstände von unserem Gesichtspunkt aus als besonders wichtig erscheint und sich als eine Art authentisches Zeugnis betrachten lässt. Ein namhafter Vertreter der deutschen Barocklyrik aus der zweiten Schlesischen Schule, Johann Christian Günther (1695-1723), verewigte eine Schicksalswende in seinem kurzen Leben mit einem zweistrophigen Gedicht von zwanzig Zeilen. Er beschrieb darin den Augenblick, in dem er seine Geliebte, Johanna Barbara Littmann, die er Phillis nannte, mit einem Ring beschenkt hat. 20 Er tat dies aus der Überlegung heraus bzw. äußerte damit seinen Wunsch, seine Geliebte möge diesen Ring als Pfand der Treue bis ans Grab - bis zu ihrer Sterbestunde tragen. Das Schmuckstück, das er im Titel des Gedichts nennt und im Gedicht plastisch beschreibt, war ein Ring - wohl eine verhältnismäßig späte, vom Beginn des 18. Jahrhunderts stammende Variante des Typs, dessen früheres Exemplar aus der Zeit um 1620 vor uns steht und von dem wir bislang sprachen. Liebesgedicht von Johann Christian Günther: Als er der Phillis einen Ring mit einem Todtenkopfe überreichte