Imre Jakabffy (szerk.): Ars Decorativa 1. (Budapest, 1973)
KISS, Ákos: Die Entwicklung der kunstgewerblichen Bewegungen und das Entstehen der Kunstgewerbemuseen
György Rath (bis 1896), doch betätigte sich neben ihm als Direktor Jenő Radisics ab 1887. Das durch J. Radisics geleitete Museum setzte die Arbeiten des dreibändigen Werkes „Das Buch des Kunstgewerbes" in Gang, dessen Umfang alle bis dahin erschienenen ähnlichen Publikationen übertraf. Jenő Radisics (1856—1917) stand bis zu seinem Lebensende an der Spitze des Museums. Der im Zeitalter des Historismus weit über die Lage der zeitgenössischen Kunst hinausblickende Direktor schuf eine Reihe einheimischer kunstgewerblicher Ausstellungen und erzog sowohl die Kunsthandwerker, als auch die einfachen Arbeiter zur Anwendung der Kunstformen. Eine reiche literarische Tätigkeit, die mit ähnlichen ausländischen Institutionen gepflegten regen Kontakte, die völlige Ajourität mit allen kunstgewerblichen Strömungen seiner Epoche, ja sogar die Lenkung deren Zukunft charakterisieren sein Lebenswerk, dessen eigenartiger Zug das Voraussehen der durch ihn schon frühzeitig gewünschten und mit dem Jahrhunderte eingetretenen grossen Stilwendung ward. Das Hauptprinzip Radisics's lautet: das Vergangene studieren wir bloss, doch suchen wir davon ausgehend das Neue. Er diente diesem Prinzip nicht nur mit ästhetischen Vorhaben, sondern auch mittels aus allen Kräften getätigten Erziehung der Gewerbetätigen. Die durch Radisics bestimmten Aufgaben des Kunstgewerbemuseums können mit folgenden seiner Worte zusammengefasst werden: „Die charakteristischen und hervorragendene Denkmäler der Vergangenheit des Kunstgewerbes zu sammeln, mit Hilfe derselben, als Lehrmaterial, das zufolge seines ideologischen Gehaltes zur Leitung, wie auch zur Neuanwendung längst vergessener Technik geeignet ist, das zeitgenössische Kunstgewerbe zu entwickeln, seine Konkurrenzfähigkeit möglichst in dem Masse zu fördern, dass die Einfuhr aus dem Ausland ausgeschaltet werde, gleichzeitig aber auch den Geschmack des Publikums zu veredeln und in ihm die Neigung zu den künstlerischen Werken zu erwecken, damit es als Käufer der mit künstlerischen Bestrebungen erzeugten einheimischen Produkte erscheine. Radisics hat demnach den Begriff Kunstgewerbemuseum, seine neuartigen Aufgaben (gewerbliche, technische Interessen) von jenen anderer Museum deutlich und konsekvent getrennt, seines Erachtens seien dieselben eher von „nationalhistorischer und pietätischer" Natur. Demgemäss ist dieses Museum bestrebt seinen Zielsetzungen nebst den Ausstellungen auch mit temporären, verschiedenen Vorführungen, mit Publikationen eigenartigen Inhalts — vor allem aber mittels methodischer Schulung der Kunst- und Fachgewerbeleute — und schliesslich mit Vorlesungen zu entsprechen. Sein museales Sammeln verband sich in wohlbewusster Weise mit seinem kunstgewerblichen Prinzipien. Es ist hauptsächlich anhand seiner keramischen Anschaffungen ersichtlich, wie er bereits während des Régimes der historischen Formen die ersehnte Zukunft schon vorausgesehen und erforscht hat. Er sammelte bereits zu Beginn systematisch die auf Grund der wegweisenden Ergebnisse des R. Deck, C. Massier, E. Gallup, L. C. Tiffany entstandenen Erzeugnisse; er war hauptsächlich auf Grund seiner französischen Beziehungen erfolgreich in der Verbreitung der erwarteten Entwicklung künstlerischen Formen. Die auf der Dreifaltigkeit der musealen Sammlungen, der Fachschulen und der Fachbibliotheken beruhende neue kulturelle Institution begann ihre Tätigkeit unter Vorherrschaft des musealen Grundsatzes. Die durch Radisics erhoffte kunstgewerbliche Mittelschule sollte auch humane Lehrfache umfassen. Diese prominente Persönlichkeit unserer einheimischen kunstgewerblichen Bewegungen verurteilte den Historismus seiner Zeit samt deren Hauptströmung, der Neorenaissance; er glaubte nicht daran, dass seine unter historischen Stilnachahmungen aufgewachsene Künstlergeneration überhaupt etwas neues er23