Imre Jakabffy (szerk.): Ars Decorativa 1. (Budapest, 1973)

KISS, Ákos: Die Entwicklung der kunstgewerblichen Bewegungen und das Entstehen der Kunstgewerbemuseen

reichen könne. Die Zukunft erwartete er von der Jugend. Er widersetzte sich sogar dem einen nationalistischen Stil fordernden Anspruch seiner Epoche, da er dieselben als eine völlig unzeitgemässe Drängung ansah. Radisics. der edle Pionier des Internationalismus war dessen wohl bewusst, dass die gesonderten nationalen Künste selbst während der sich stets rascher entfaltenden Zeiten der Industrierevolution nur stufenweise und unter Vor­handensein gewisser Vorbedingungen gedeihen könnten. Die Weisung dieses grossen viel gereisten Vorkämpfers der europäischen Kunstgewerben lautet: ,, Faites comme les anciens; mais ne refaites pas ce qu'ils ont déjà fait". 50 ' Obwohl die gegenwärtige, moderne Industrie einstweilen alte Gegenstände kopiert, enthält sie jedoch die Keime einer neuen Kunst;" er besann sich besonders an der Pariser Weltausstellung dessen, dass die Weiterentwick­lung des Schicksals der Künste einem Wendepunkt zusteuere. Er war auch dessen be­wusst, dass sich das Neue gerade im Rahmen jener Kunst entwickelte, aus sämtlichen Glie­dern deren gleichzeitig nationales Gepräge entströmt: aus der Kunst der Franzosen. Das England von Ruskin, Morris, W. Crane und Paris versprachen jene Zukunft, in deren Richtung Radisics — nicht etwa aus irgendeiner Art tagespolitischer Oppositionseinstel­lung, sondern von seiner künstlerischen Bekenntnis durchdrungen — über Wien hinweg­griff, im sicheren Bewusstsein dessen, dass die naturgetreue, frühe, floreale Richtung der neuen Kunst unterwegs sei. Die Landesausstellung des Jahres 1885 bot eine Übersicht der Lage des ungarischen Kunst­gewerbes, und war gleichzeitig eine Prüfung der zu dessen Leitung berufenen Institutio­nen. 58 Die anlässlich des tausendjährigen Bestehens des ungarischen Staatswesens im Jah­re 1896 veranstalteten Millenniumfeierlichkeiten schufen für die im Gewände der histori­schen Stile gekleidete Epoche besondere Möglichkeiten; ihre gigantischen Ausstellungen zeigten gleichzeitig ein komplettes Bild über die Möglichkeiten des einheimischen Kunst­gewerbes. Die seither vielfältig kritisierte, meistens verurteilte Pracht des Historismus konnte sich aber zufälligerweise gerade vor dem Untergang dieser Richtung in ihrer Voll­ständigkeit entfalten. Diese kunstgewerbliche Vollendung zeigt allerdings eine bis zur Bi­zarrerie angehäufte Ornamentik, die in jenem Jahren überall allgemein war; nebst der aus geschichtlichpolitischem Gesichtspunkt wieder ins Leben gerufenen mittelalterlichen Stile führte dieses Jahrzehnt, mit seinem III. Rokoko und mit dem, desselbe ablösenden, neu aufgetauchten Stil zu einer komplizierten, ruhige Flächen nicht kennenden Vollen­dung der üppigen Repräsentation. Als Komponent dieser Feierlichkeiten wurde in Buda­pest am 25. Oktober 1896 das Palais der gewerblichen Künste, das bis heute das Museum für Kunstgewerbe beherbergt, eröffnet. Das Historikum, die eigenartige künstlerische Anschauung der Industrierevolution, in der die historisierenden Züge die Gegenwart überholend beherrschten, wurde gerade mittels der künstlerischen Voraussicht nach der Art Jenő Radisics's und Seinesgleichen überwun­den. Das ,,Art Nouveau" bedeutete seit dem Rokoko zum erstenmal tatsächlich etwas neues. Seine Launen, zuweilen seine Überspanntheit, führten schliesslich zu jenen, den Kulturvölkern in ihren Grundbedingungen gegebenen elementaren umändernden Instink­ten, die sich heute, in unseren gegenwärtigen Kunstgewerben offenbaren. Kandinskij's be­wusste Konstruktionsabsichten, Gropius' sachgemässe Schönheitsprinzipien stiessen sämt­liche Kunstartsgrenzen um, doch könnte das heutige Kunstgewerbe nach der vorüberge­henden Stagnation während dem Zeitraum zwischen den zwei Weltkriegen von neuem Tonangeber der Lebensform werden. Die auch in das Gebiet der Kunstgewerben einge­24

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