Hirtenfeld's Oesterreichischer Militär-Kalender 1856 (Wien, 1856)

89 Rudolf war erkrankt, und als seine Aerzte ihm, der eben beim Brettspiele saß, nur noch fünf Tage des Lebens gaben, stand er auf und sprach: „Nun dann nach Speyer in die Kaisergruft!" Auf dem Wege dahin entschlief Rudolf in dem Städtchen Germers heim, das er selbst erbaut hatte, am 15. Juli 1291 , 73 Jahr alt, und wurde in der Kaisergruft zu Speyer beigesezt. Wahl­spruch : Melius bene imperare, quam Imperium ampliare. 27. Adolf Graf vonNassau, geboren 1255. Her­zog Albrecht von Oesterreich, ältester Sohn Rudolf I, hatte sich schon während den Lebzeiten seines Vaters durch seine rüksichtslose Herrschsucht das Wohlwollen der deut­schen Fürsten verscherzt; auch wollten diese, die sich schon in Rudolf von Habsburg getäuscht, einen unbedeutenden Grafen, der thun müsse, was die Mehrheit der Fürsten wollte, und man schämte sich nicht, sich die Wahlstimmen bezahlen zu lassen. Der Erzbischof Gerhard von Mainz unterzog sich dem Kaufgeschäft, um seinen armen Vetter, den Grafen Adolf von Nassau, zum deutschen Könige wäh­len zu lassen. Die Wahl hatte am 5. Mai 1292 zu Frankfurt und die Krönung am 14. Juni zu Aachen statt. Adolf war zwar ein tapferer Ritter, aber in Folge seiner sta ken Eß- und Trinklust zu fett geworden, und unbe­kümmert um die Würde des Reichs, wollte er nur sein Erbland vergrößern. England bot ihm Geld, um für selbes gegen Frankreich zu streiten. Er nahm das Geld, anstatt aber zu Felde zu ziehen, kaufte er von Albrecht dem Entarteten Meißen und Thüringen ab. Dieser, der die Tochter Friedrichs II. zur Gemalin hatte, die er, so wie ihre Kinder, mit unnatürlichem Haffe verfolgte, ent­erbte seine Söhne. Letztere griffen zu den Waffen, und überall stand ihnen das Volk bei, um so mehr, als Adolfs Truppen die größten Schändlichkeiten ausübten. Nach langem Widerstand endlich siegte der Kaiser, und die beiden Jünglinge, Friedrich mit der gebissenen Wange und Diezmann, mußten aus Thüringen flüchten. Doch

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