Hirtenfeld's Oesterreichischer Militär-Kalender 1856 (Wien, 1856)

84 Pabst ihnen sandte, Konrad, der unglükliche Sohn Fried­rich II., so wie Wilhelm von Holland, Richard von Corn- wallis und Alfons von Caftilien waren nur ephemere Erscheinungen, die ihr Geld für den kaiserlichen Titel hinwarfen, und nichts mehr davon hatten, als nur eben diesen Titel, der vom Pabste keine Bestätigung erhielt; sie verschwanden wie sie gekommen waren. Aber in dieser Zeit, die man das Interregnum nannte, herrschte das Faustrecht in Deutschland, mit ihm die größte Unord- nung und die fürchterlichste Mord- nnd Raubsttcht. Jeder Erle oder jede Stadt überfiel ihren Nachbarn mit den Waffen; die Edlen bauten ihre Schlösser auf den Höhen der Berge, um von diesen ihre Nachbarn, vor allem aber reisende Kaufleute und Reisende, zu überfallen und ihre Räubereien ungestraft üben zu können. Wenn auch die Fürsten sich bei diesem Zustande wohl befanden, so klagte doch das Volk, soweit es frei sich äußern durfte, bitter über die Verwirrung und Auflösung des Reiches, über die Willkür der Fürsten, über den Mangel aller Ord­nung und Sicherheit, wie über jenen des heiligen Rech­tes; kurz es sehnte sich nach einem neuen Kaiser. Sagen gingen um unter dem Volke von der Wiederkehr Bar­barossas aus dem Kyffhäuser Berge in Thüringen ober dem Untersberge in Salzburg, wohin ihn die Volkspoesie gebannt hatte. Eines kaiserlichen Schutzes bedurften die Kleinen und Schwachen im Reiche; doch die Fürsten hätten kaum an eine Kaiserwahl gedacht, wenn sie nicht für nöthig erachtet hätten, dem Umsichgreifen des Vöh- menkönigs Ottokar eine. Schranke zu sezen, der eine Provinz des Reiches nach der andern an sich zu ziehen beflissen war. Sie beriethen sich mit dem Pabste, was zu thun sei. Der neue Kaiser mußte ein Mann sein, der Kraft und Muth hatte, sich dem Könige Ottokar ent­gegen zu stellen, auch zugleich dem Volke gefallen könne, der aber auch hinwieder dem Pabste und der Fürstenaristo- krazie Deutschlands unterworfen sei; und so fiel durch hauptsächliche Vermittlung des Erzbischofs Werner von

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