Gábor Eszter: Die Andrássy Straße - Unser Budapest (Budapest, 2002)

erste Untergrundbahn des Kontinents hier gebaut. 1896 funktionierte zu Beginn der Millenniumsfeierlichkeiten dann schon die Untergrundbahn, über ihren Treppeneingängen die anmutigen kleinen Bauwerke von Albert Schickedanz oder aber die sachlicheren von György Brüggemann. Nach der Jahrhundert­wende wurden die kleinen Häuschen des veränderten Geschmacks und des wachsenden Verkehrs wegen beseitigt, ebenso die Holzwürfel der Fahrbahn. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden noch einige neue, größere Villen und Mietvillen an die Stelle der abgetragenen älteren, oder auf die von den großen Gärten abgetrennten Grundstücke gebaut. Es wurden auch einige Anbauten errichtet, oft wurde jedoch das Drittel der Grundstücke, welches an der Seitenstraße lag, abgetrennt und bebaut. Die Grünfläche wurde immer kleiner, die bebaute Fläche immer größer. Der Ruhm des vornehmen Villenviertels war auch nicht mehr derselbe, da mit dem Bau der neuen Donaubrücken der Verkehr zwi­schen Pest und Buda leichter wurde und die Reicheren in den größeren Gärten des Budaer Hügellandes zu bauen begannen, aus den Villen und Palästen der Andrássy út wegzogen. Nach dem Krieg sank der Lebensstandard der Mittelklasse beträchtlich, die riesigen Wohnungen in der Andrássy út konnte sich nur schwer noch jemand leisten. Schon zwischen den zwei Weltkriegen begann man die Wohnungen zu unterteilen, was dann nach dem Zweiten Weltkrieg der riesigen Wohnungsnot wegen zur Zerkleinerung der Wohnungen und der fast vollkommenen Zerstö­rung des ursprünglichen Inneren führte. Ähnlicher Schaden wurde auch durch die Umwandlung einstiger Mietshäuser, Palastmietshäuser oder Paläste in Büros angerichtet. Es gab jedoch nicht nur materielle Gründe für den Verfall der Andrássy út. Der Stil des Historismus, welcher ähnlich auch den Wiener Ring im Charakter bestimmte, ging schon zur Zeit des Baus der Andrássy út seinem Ende zu. 1896 tauchte während der Millenniumsbautätigkeit auch in Pest schon die Sezession auf, deren ungarische Variante sich im Kunstgewerbemuseum von Ödön Lech­ner entfaltete. Alsbald bemerkten immer mehr Leute die Schattenseiten des Historismus, „deckten seine Unechtheit auf", wie z. B. auch der schon früher zitierte hervorragende Kunstphilosoph Lajos Fülep: „Dank des auf die Stadt losgelassenen Heerei von Schmarotzer-Architekten lit anstelle des alten ein­fachen und ehrlichen Budapest, oder zum Teil daneben, eine ichreckliche Stadt von Mietshäusern angeschwollen. die aus Ziegel und Mörtel die herr­schaftlichen Renaissance-Paläste imitieren, wo man alléi sehen kann. Mörtel- Karyatiden. plumpe Balkoné, Gaimse, Pfeiler, Fensterrahmen, bloß — wenig­stens bis in neuste Zeit — keinen Durchblick eines normalen architektonischen Gedankens. (...) Die Andrássy út, die den Geist ybls so stolz verkündende, die oft erwähnte vornehme, ruhige, weltstädtische Straße, wollte man auch als glanzvolle Palastfolge schaffen, obwohl offensichtlich war. daß sie bloß eine 64

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