Gábor Eszter: Die Andrássy Straße - Unser Budapest (Budapest, 2002)

eine — zum Teil einstöckige — Villa. Der Planer Lajos Jamniczky war auch kein bekannter, angesehener Meister. Die Villa war trotzdem ein Erfolg, so daß der Finanzminister Sándor Wekerle sie 1889 kaufte; von hier zog er dann drei Jahre später, als er zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, in den Sándor-Palast auf die Burg. Nach der Jahrhundertwende befand sich hier einige Jahre die Advokatenkanzlei von Vilmos Väzsonyi, dem ehemaligen Justizminister. Das Nachbarhaus (Andrássy út 123) ist die einzig „überlebende" Villa der vier vom Radialstraßen (Sugárút)-Bauunternehmen errichteten (geplant von Benkó und Kolbenheyer). Ihre Form hat sie ziemlich lange erhalten. Die Loggia im Erd­geschoß wurde schon früher verglast, an die hintere Front noch ein kleiner Teil angebaut; der jetzige Nutzer, die türkische Botschaft, hat die beiden Seiten der Hauptstufen mit einem dem Zweck nicht entsprechendem Material bezogen und mit den darauf liegenden Löwen dem Original entfremdet. All dies kann jedoch in Ordnung gebracht werden. Die erste Besitzerin und Bewohnerin des Hauses war die Tochter des Märtyrer-Ministerpräsidenten Graf Lajos Batthyány, Gräfin Ilona Keglevich-Batthyäny, die im Mausoleum neben ihrem Vater den ewigen Schlaf schläft. Die Villa Nr. 125 ist das am strengsten geschlossene Gebäude der Villenreihe. Antal Weber hatte sie 1885 für den Baron Ferenc Révay (1834 —1914) gebaut. Die ursprüngliche Einteilung des Gebäudes war recht eigenartig, es gab darin keinen Platz für eine Familie, Frau und Kinder. Der Baron, ein Sonderling, emp­fing darin auch keine Besucher. 1915 schrieb man über ihn in der Zeitschrift Gyűjtő (Sammler) folgendes: „In der Weihnachtswoche starb in telnem 80. Lebensjahr das letzte Mitglied des Turócer Zweiget der w. Révay-Familie. der w. Ferenc Révay. der schon geraume Zeit teine Tage in seinem Palatt in der Andrássy út in vollkommener Abgeschiedenheit von der Außenwelt ver­bracht hatte, indem er bloß mit teinen Lieblingsdienem, vor allem mit tel ­nem bevorzugten KammerdienerJános Reichl Kontakt hatte; die Kinder und Enkelkinder seiner älteren Schwester erlaubte er hingegen überhaupt nicht zu sich, schloß tie togar — sie waren seit 1892 tchon zu hünft — in teinem Testament ganz von der Erbschaft aut. den 30 Tausend Joch großen Turócer Ländereien, den Schlottern, dem Palatt an der Andrátty út und den Eftekten, welche einen Wert von etwa 12 Millionen Kronen hatten, und setz­­te alt allgemeinen Erben sämtlicher Testamente János Reichl ein. Die Zei­tungen schrieben viel über seine Absonderlichkeit und trugen es ihm im allge­meinen nach, daß er die Nation gänzlich vergessen hatte. Diese Anschuldigung ist Jedoch nicht ganz gerecht. Darüber kann schon debattiert werden, daß er über sein von den Ahnen ererbtes großes Vermögen anders hätte be­stimmen können, wir wissen Jedoch nicht, welch große Tragödie ihn zum endgültigen Bruch mit seiner Familie gebracht hatte und welch enge Bande er in seinem Menschenhaß zu jenem Menschen geknüpft hatte, den er zu 57

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