Gábor Eszter: Die Andrássy Straße - Unser Budapest (Budapest, 2002)

die Verwendung des Grundes als Garten in diesem innerstädtischen Villenviertel zu einem immer größeren Luxus. Mit Lockerung der Bauvorschriften waren die Besitzer bemüht, das Gebiet maximal auszunützen. Diesem können die zahlrei­chen Zwischen- und Anbauten, die Abtragungen und Neubauten zugeschrieben werden. Der zweistöckige Palast Ecke Bajza utca, das Gebäude der russischen Bot­schaft (Andrássy út 104) ist das schönste Beispiel der Hausvergrößerung durch Flickbauten. Die ursprüngliche einstöckige Neorenaissance-Villa hatte der ange­sehene Pester Architekt Antal Weber 1877 für Graf István Erdődy (1813 —1896) entworfen, und zwar auf ein Grundstück von 763 Quadratklaftern, welches durch Vereinigung von drei Grundstücken entstanden war. Die Hauptfassade der Villa — mit ihren von zwei Seitenfenstern umgebenen Loggien mit drei Öffnungen und Arkadenbogen — sah auf die Andrássy út. Die Loggien im Stock zierten Fresken von Károly Lotz. 1894 verkaufte Graf Erdődy seine Villa an den jungen László Semsey (1869— 1943), der kurz vor seiner Hochzeit stand. Er fand die schon etwas altertümlich wirkende Villa zu klein und bescheiden und ließ sie deshalb durch Arthur Meinig, den bei der ungarischen Aristokratie beliebten Architekten, vergrößern und umbauen. Zur Bajza utca hin schloß er einen ergänzenden Flügel ans ur­sprüngliche Gebäude an. Die frühere bescheidene zweiarmige Stiege ersetzte er durch eine breite Treppenhalle, von den einfachen Zimmern im Erdgeschoß verband er zwei durch Öffnen und schloß sogar die Loggia im Erdgeschoß, die mit Glas bedeckt worden war, an diesen Raum, der danach eine geschnitzte Eichenholzverkleidung erhielt. 1909 verkaufte der inzwischen in den gräflichen Rang erhobene László Sem ­sey die Villa an die jung verheiratete Gräfin László Széchenyi, geborene Gladys Vanderbilt. Diese Heirat war eine richtige „Wappenvergoldungs”-Geschichte: der bankrotte, verschuldete Graf heiratete in Amerika die — Mihály Károlyi nach — liebe und bescheidene Tochter des Multimillionärs Cornelius Vander­bilt. (Die Familie der Tochter kaufte, aus begründeter Vorsicht, die als Pester Wohnsitz der Familie gedachte Immobilie, auf den Namen der jungen Frau.) Verglichen mit den amerikanischen Maßen war sogar die vergrößerte Villa noch zu klein, deshalb ließen sie diese durch den bekannten New Yorker Architekten Ernst Flagg, einen entfernten Verwandten der Vanderbilts, umplanen. Flagg verdreifachte das Gesamtgebiet des Palastes, drehte die neu entstandene, brei­te Hauptfassade zur Bajza utca hin, baute einen zweiten Stock auf das ganze Gebäude, und baute sogar das Dachgeschoß aus. Im ersten Stock entstand in ganzer Breite der Front zur Andrássy út hin ein Ballsaal, an welchen die ver­glaste Loggia des ersten Stocks angeschlossen wurde. (Damals gingen wohl die Lotz-Fresken zu Grunde.) Der neue Palast wurde sozusagen auf die ursprün­gliche Villa gebaut. Das Erdgeschoß und der erste Stock der Fassade auf der 45

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