Gerle János: Paläste de Geldes - Unser Budapest (Budapest, 1994)

stets „mit der Zeit Schritt zu halten“. Diese Anschau­ungsweise erobert alle Gebiete des Lebens, damit ein­her geht das Ringen gegen die Veralterung. Eine Art sich dagegen zu wehren, besteht in der maßlosen An­häufung von Moderequisiten. Nicht nur die Modevorbil­der, sondern auch die Idee der Auffassung, daß das Moderne Wertträger sei, stammen aus dem Westen. Dort hat sich die Kommerzarchitektur eine Tugend aus der Abhängigkeit von der Bauindustrie gezimmert, und sie hat damit auch die Verbraucherstrutöuren auf ande­ren Wirtschaftsgebieten erobert. Das wahre Kennzei­chen des Ernstes und der Zuverlässigkeit: Schritthalten mit der Zeit, ja sogar einen Schritt voraus sein. Dazu sind entsprechende Informationsfähigkeit, d. h. Infor­mationsgeschwindigkeit und materielle Kraft, die der praktischen Anpassung ständig zur Verfügung steht, vonnöten. Beide sind unentbehrliche Kriterien der Banktätigkeit als Ganzem, deshalb erscheint die Aus­breitung des Modegedankens im Falle der Banken besonders auffällig. Die ständige Änderung ist in erster Linie eine techno­logische Frage: daß die neuen und immer neueren Farbnuancen, Oberflächentexturen, Dekorationsmoti­ve schnell und mit wenig Arbeit an ihren Ort gelangen. Es ist zu befürchten, daß die Budapester Banken, die durch traditionelle bauindustrielle Methoden bemüht waren, der Mode zu folgen, zu schnell und auf unkorri­gierbare Weise ihr Image verlieren werden. Obige verallgemeinernde Charakterisierung bezieht sich auf eine eher auffällige Gruppe der neuen Schöp­fungen. Clnter den Ausnahmen möchte ich ein Beispiel hervorheben: die 1990-1991 nach Plänen von Zoltán Vermes gebaute Filiale der Landessparkasse in Rákos­keresztúr. Während der Reihe nach die traditionellen Zentren der Außenbezirke von Budapest verschwinden, sind die Bank und Post in Rákoskeresztúr (gemeinsam mit der noch nicht verwirklichten Apotheke) ein Beispiel dafür, welch starke positive Ausstrahlung ein Gebäu­deensemble von entsprechendem Maßstab und Niveau auf seine tlmgebung haben kann. Die Verwendung des Materials sowie seine Formenwelt lassen es zu einem architektonischen Vorbild werden, seine Offenheit, Di­rektheit und Bescheidenheit erwecken Sympathie. 68

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