Gerle János: Paläste de Geldes - Unser Budapest (Budapest, 1994)

ners; beide wären, wenn verwirklicht, zu einer Weltsen­sation geworden. Die Bemühung, die Funktion des Gebäudes in der architektonischen Formulierung würdig zum Ausdruck zu bringen, führte zu einer Vergrößerung der Hauptmo­tive über alle menschlichen Maßstäbe hinaus. Das teil­weise formelle, teilweise ideele Vorbild Alpärs mag wohl der Brüsseler Justizpalast gewesen sein, welcher die Gerechtigkeit des modernen Staates auf so eine Art und Weise verkündete, daß das Gebäude den Eintreten­den durch seine Größe und Maße in den Staub drückte. Der Bau dieses mit den Pyramiden wetteifernden Ge­bäudes war durch die Ausbeutung der Kolonien - da­mals gerechtfertigt - möglich geworden. Beim Bau der Budapester Börse waren sparsame Lösungen ein bedeutender Gesichtspunkt (den Bau hatten die Hypothekendarlehen dreier Banken ermög­licht), jedoch auch hier gab es beim Portal, bei den Börsensälen, den Garderobegängen und dem zentra­len Kuppelsaal Maßstabsverzerrungen, welche unbe­wußt die Macht des Geldes zum Ausdruck brachten. Vom funktionellen und technischen Standpunkt aus entstand jedoch eine hervorragende Schöpfung, die zahlreiche Innovationen aufwies, die der vielen ümbau- ten wegen heute nur noch auf Grund alter Niederschrif­ten bewertet werden können. Auf dem 145X61 Meter großen Baugrund wurde die Börse in genau 3 Jahren (von Oktober 1902 bis Oktober 1905), den Etat befol­gend (120 000 Kronen wurden gespart!) mit Kosten von 4,4 Millionen Kronen von der Baugesellschaft Grün­wald und Schiffer erbaut. Die Kosten eines Kubikmeters kamen auf 20,78 Kronen, was weit unter dem Durch­schnitts-Baupreis der damaligen Zeit lag. Besonders in zwei Hinsichten unterscheidet sich das Gebäude von den größeren Börsen Europas. Die Bör; sensäle befinden sich nicht in der Mitte des Gebäudes und haben kein basilikales oder Oberlicht, sondern sie liegen an den beiden Enden der Fassaden und haben riesige Fenster zur Straße. Abweichend vom Gewohn­ten befinden sich diese Säle im ersten Stock, wo die Beleuchtung besser ist. So konnten im Erdgeschoß, ganz unabhängig vom Verkehr der Börse, große Büros vermietet werden. Auf der Südseite wurde unter der Effekten-Börse ein Café, auf der Nordseite unter der Getreide-Börse ein Postbüro eröffnet. Die beiden Bör­sensäle hatten je einen Grundriß von 1300 Quadratme­tern und eine Innenhöhe von 19 Metern (d. h. 6 Stock hoch!). Das Buch aus dem Jahre 1908, welches das 29

Next

/
Oldalképek
Tartalom