Szegő Dóra - Szegő György: Synagogen - Unser Budapest (Budapest, 2004)
heute fast vollständig renoviert, steht aber trotzdem leer und geschlossen da. Das Gebäude wird durch den Gegensatz zwischen der damals neuartigen Eisenkonstruktion und dem maurischen Stil charakterisiert. Die in der Wirtschaft eine immer bedeutendere Rolle spielenden Budapester Juden wählten ein vom Standpunkt der architektonischen Stilveränderungen des Jahrhunderts eher peripheres Modell: sie suchten den „jüdischen Stil", die Möglichkeit einer Formung vergangener Architektur. Das Judentum des 19. Jahrhunderts suchte durch Erinnerung an die Architektur vergangener Zeiten seine eigene Identität, blickte aber trotz der betont historisierenden Form in die Zukunft. Deshalb wurde oft die Synagoge selbst ein experimentelles Gebäude: sie konnte gleichzeitig Träger verschiedener Architekturstile und das Experimentier-Terrain der neuen Architekturentwicklung sein. Der Auftrag die Rombach-Synagoge zu entwerfen war also für den jungen Otto Wagner, einen bedeutenden Schüler Ludwig Försters, eine richtige Herausforderung. Auch der gesellschaftliche Hintergrund der Entstehung des Gebäudes war einzigartig: in den 1850er Jahren beschleunigte sich das Wachstum der Pester Juden und es lebten nun schon mehr als zwanzigtausend in der Hauptstadt. Nach dem Ausgleich von 1867 gewährte die neue Verfassung den Juden der Monarchie öffentlich- und privatrechtliche Gleichberechtigung. Jüdische Intelektuelle, Bankiers und Industriebarone wurden zu wichtigen Stützpfeilern der damaligen rasanten wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Budapests, ln diesem historisch-gesellschaftlichen Umfeld wurde 1868-69 der Jüdische Generalkongress einberufen, welcher zu einem Meilenstein in der Geschichte der Juden Ungarns wurde. Damals teilten sich die ungarischen Juden in orthodoxe, „Status quo ante" und neologe Gemeinden. Obgleich die Synagoge in der Dohány utca (1859) für alle Juden offen war, so betrachteten doch die traditionsbewahrenden, orthodoxen und „Status quo”-Juden sie nicht als die ihrige-, ihre Einrichtung, ihre Liturgie und ihr Geist an sich widerspiegelten die neologen Prinzipien. Für Traditionsbewußte galt eine Orgel in der Synagoge als unvorstellbar, ebenso der Chor, der Gottesdienst in ungarischer Sprache oder die nur teilweise, liberale Abtrennung der Frauen. Deshalb planten die beiden anderen Glaubensrichtungen den Bau neuer Synagogen. Diese wurden nach einigen Jahrzehnten errichtet: in der Rumbach Sebestyén utca für die „Status quo ante'-Juden und in der Kazinczy utca für die orthodoxen. Die Rombach wurde im gleichen maurischen Stil, in ähnlicher architektonischer Art wie die Synagoge in der Dohány utca gebaut, grundsätzlich jedoch in anderer Form. Als Vorbild der oktogonalen Anordnung galt die Wiener Synagoge aus der Seitenstettengasse (1828). Die Spenden der Gläubigen machten es möglich, daß die „Status quo"-Gemeinde eine Synagoge von solchen Ausmaßen errichten konnte (Durchmesser des Innenraumes 24,80 Meter, Höhe 28,15 Meter). 37