Die Erste internationale Jagd-Ausstellung Wien, 1910. Wien-Leipzig, 1912 / Sz.Zs. 424

I. TEIL. Der Führer durch die Ausstellung. Von Dr. Adolf Stengl, k. k. Forstrat

Der Führer durch die Husftellung. Deutícben Jagdícbloííe. Der Bau ftellte ein vornehmes Jagdfchloß in der behäbigen Eleganz des Barocks der erften Hälfte des XVIII. Jahrhunderts dar, das keinen Augenblick den Eindruck eines Husftellungsgebäudes machte, vielmehr wie ein alter bewohnter Herrenfiti ausfab, deffen Pforten der gaftfreundlicbe Hausherr den Husftellungs­befucbern öffnete. Mit dem Hauptgebäude war ein Hnnex — gewiffermaßen ein Nebengebäude des Herrenbaufes — verbunden, in den fich das deutfcbe Reftau­rant etablierte. Es muß als Verdienft des Chefarchitekten Hlfred Richter-Berlin, nach deffen Entwürfen das Deutfcbe Jagdfchloß erbaut worden ift, angefeben werden, daß er von vorneherein darauf verzichtete, ein altes, beftebendes Ge­bäude zu kopieren, es vielmehr vorzog, ein Werk frei zu fchaffen, das im Stile einer früheren Zeitepocbe gehalten, in feinem Äußeren mit der Husgeftaltung der Innenräume und dem in denfelben untergebrachten Rusftellungsobjekten überaus glücklich barmonierte. Eine breite Terraffe, von zwei lebensgroßen, blafenden Pikören flankiert, führte zur Scbloßterraffe empor. Die Figuren, ebenfo wie die Vafen und Amoretten auf der Baluftrade waren Nachbildungen der Sandfteinfiguren vor der Moritjburg bei Dresden. Das fteile, rote Ziegeldach krönte ein lebensgroßer Hirfcb aus vergoldeter Bronze, modelliert von Profeffor Vogel-Düffeldorf. Geweihe und Waffengruppen als Schmuck an den Wänden: ftarke Hirfcbgeweibe und prachtvoll ein­gelegte Waffen aus dem Bcfitj der Großberzoge von Heffen und von Mecklenburg-Schwerin, ein durch feine Stärke und elegante Form be= fonders auffallendes und von Kennern viel bewundertesGeweib eines 20--En= ders, um 1800 von demErbgroßberzog Cafimir Ludwig in freier Wildbabn erlegt, aus der Waffenballe des Schweriner Schloffes; zwei meifter­baft modellierte Hirfcbköpfe aus Schloß Hltenftein bei Meiningen; das in einem Baumftamm eingewacbfene Hirfchgeweib und zwei Ölgemälde aus Köni gswufter häufen : Fucbspr eilen und der biftorifcbe 66-Ender; zwifcben den Fenftern eine große Photogra­Mittelbau des Deutfcben Jagdfcbloffes. Der wirkungsvolle Innenraum war fraglos das breite, geräumige Veftibül, mit dem Ausblick auf das Treppenbaus, deffen Decke eine alle­gorifcbe Darftellung der Jagd von Marno Keller fcbmückte. Hier haben die von Sr. Majeftät Kaifer Wilhelm II. Ende November 1909 in Pleß erleg­ten, von Otto Bock=Berlin meifter­baft präparierten Wi fente Platj gefun­den, kraftftro^ende, urige Burfchen, die, in Kampfesftellung gegenüber­ftebend, den Eintritt in das Treppen­haus zu verwehren fchienen. Sonft war der in weiß gehaltene Raum völlig frei. Das erfte Zimmer links vom Eingang hatte keinen beftimmten Charakter; es war als Durchgangs­zimmer freigebalten und trug nur Veftibül. Deutfcbes Jagdfchloß. phie: Se. Majeftät Kaifer Wilhelm II. im Gefpräcb mit dem Oberjägermeifter Freiberrn von Heinze auf der Hofjagd in der Göhrde. Von den Ölgemälden waren ganz befonders intereffant die leider ftark nachge­dunkelten Bilder aus dem Jagdfcbloffe Kranicbftein bei Darmftadt: Fafanenjagd bei Nacht mit Blendlaterne und der vor der Meute unter die Schloßtreppe geflüchtete Hirfcb (um 1760). Landgraf Ludwig VIII. von Heffen-Darmftadt war einer der gewaltigften Jäger feiner Zeit (1750); ibin verdanken wir die böcbft originellen Jagddenkmünzen, Hirfcb- und Saudukaten, mit der Infcbrift: »Durch den Dukaten ward ich verratben.« So liebte es der hohe Herr, mit einem Secbferzuge jagdbarer Hirfcbe durch die Straßen feiner Refidenz zu fahren, auch fonft auf der Jagd allerlei Kurzweil zu treiben. Schloß Kranicbftein ift voll von Erinnerungen an diefe Zeit. Leider konnten die origi­nellften Jagdbilder nicht zur Husftellung gebracht werden. Bemerkens­wert find die verfcbiedenen Hift- und Parforcejagdbörner. Schwerin bat u. a. ein febr altes, reicbgefcbnitjtes Hifthorn geliefert, ein wahres Unikum. Eigenartige Formen zeigten auch die altbeffifcben 1 1 Parforcejagdbörner aus der Zeit des Landgrafen Ludwig VIII. Erbeutet um 1810 von Seiner königl. Hoheit dem Erbgroßberzog vor Mecklenburg. Deutfehes Jagdfchloß. Erbeutet um 1810 von Seiner königl. Hoheit dem Erbgroßberzog von Mecklenburg. Deutfcbes Jagdfchloß. Der zweite durch die ganze Tiefe des Gebäudes führende Raum trug fo recht altpreußifches Gepräge. In ihm war die Original­Einrichtung des bekannten Tabakskollegiums Friedrichs des Großen aus dem Jagdfchloß Königswufterbaufen bei Berlin untergebracht. Die Könige von Preußen und Sachfen haben in wahrhaft glänzender Munifizenz 50

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