Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“
Andrea Komlosy bestimmt waren, wie die kommunistische Machtübernahme (1945-1948), die Reformen bzw. Aufstände nach Stalins Tod (1953), der Prager Frühling und seine Niederschlagung (1968) oder die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen (1981). Darüber hinaus waren die bilateralen Beziehungen vom Verhältnis der Großmächte überschattet, das sich von der kooperativen Phase der unmittelbaren Nachkriegszeit (1945-1946/47) zum Kalten Krieg (1947/48-1962), zur Entspannung (1962-1980) und zum Neuen Kalten Krieg (1980-1990) entwickelte, bis der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Auflösung von Rat für gegenseitige Wirtschafthilfe (RGW) und Warschauer Pakt im Jahr 1991 der Phase der Bipolarität ein Ende setzten. Seit dem Ende der Systemkonkurrenz kann die verbliebene Supermacht USA ihre Weltordnungspläne weitgehend ungehindert durchsetzen. Die Konkurrenz mit der Europäischen Union verbleibt auf der wirtschaftlichen Ebene und stellt die politisch-militärische Vorherrschaft der USA nicht in Frage. In wirtschaftlicher Hinsicht ist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg von zwei großen Zyklen geprägt, dem auf Europa konzentrierten Wiederaufbauzyklus, der in der Mitte der 1970er Jahre vom Globalisierungszyklus abgelöst wurde. Nach einer Phase der Stabilisierung setzte 1947 im Nachkriegseuropa der Wiederaufbau ein, der auf Grund der Blockkonfrontation in Form von zwei getrennten Projekten in Angriff genommen wurde. Das westliche Projekt wurde durch den Marshallplan auf eine enge Kooperation mit den USA eingeschworen. Im Osten war die Zusammenarbeit durch die politisch-militärische Vorherrschaft der Sowjetunion bestimmt. Da die nachholende Entwicklung in Form des Aufbaus des Sozialismus im eigenen Land in Angriff genommen wurde, spielte die Arbeitsteilung innerhalb des RGW anfänglich keine große Rolle. Trotz unterschiedlicher Ordnungssysteme, Wohlstandsniveaus und Formen der internationalen Kooperation folgte der Wiederaufbau in Ost und West vergleichbaren Wachstumsmustem: in einer ersten Phase genossen Grundstoff- und Schwerindustrien sowie der Ausbau der Infrastruktur Priorität vor den Konsumgüterindustrien; der private Konsum wurde erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zu einer entscheidenden Triebkraft des Wachstums. An der Wende der 1960er zu den 1970er Jahren erlebte das Wachstum eine deutliche Abschwächung. Der Wiederaufbau war an die Grenzen der extensiven Expansion gestoßen; auch die verstärkte internationale Konkurrenz sowie die - durch Massenkonsum und Wohlfahrtsstaat angeheizten - Verteilungskonflikte zwischen Kapital und Arbeit ließen die Profite sinken. Die Anhebung der Ölpreise 1973/74 akzentuierte die Krise, war dafür allerdings keineswegs ausschlaggebend. Dennoch markiert das Jahr 1973 eine Wende zu einem neuen Akkumulationsmodell, das durch neue Wachstumssektoren sowie die Rationalisierung und Intemationalisierung der Produktion gekennzeichnet war.6 Die Wende 6 Vgl. Fröbel, Volker - Heinrichs, Jürgen - Kreye, Otto: Die neue internationale Arbeitsteilung. Reinbek bei Hamburg 1977; Amin Samir u. a., Die Dynamik der globalen Krise. Opladen 1986. 74