Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Piotr Franaszek: Die Handelsbeziehungen zwischen der Volksrepublik Polen und Österreich in der Zeit von 1945-1989

die Möglichkeit der Meistbegünstigungsklausel in den polnisch-österreichischen Wirtschaftsbeziehungen. Diese neue Situation schuf auch die Bedingungen für die Unterzeichnung eines weiteren Handelsabkommens fur den Zeitraum von 1968— 1972, in dem die Anwendung dieser Klausel im polnischen Export nach Österreich vorgesehen war. Die bisherige Liste A (österreichische Ausfuhr nach Polen) wurde in bedeutendem Maße erweitert. Gleichzeitig wurde die polnische Ausfuhr in zwei Gruppen („Pf1 und „P2“) unterteilt. Alle drei Listen wurden nach und nach alljährlich kraft zusätzlicher Protokolle ergänzt. Im Ergebnis kamen Anfang der 70er Jahre viele neue Importwaren aus Österreich hinzu, darunter Magnesitprodukte, Kunststofferzeugnisse, Erzeugnisse der Pharmazie und der chemischen Industrie, Stahlprodukte, vor allem aus Edelstahl, Elektrogeräte und viele andere Artikel. Eine Neuerung waren die Listen „Pi“ und „P2“. Die erstere, die eine Folge des GATT-Beitritts Polens war, enthielt ein Verzeichnis von Waren, die einem liberalisierten Austausch unterzogen wurden. Sie machten ca. 70 Prozent der österreichischen Einfuhr aus Polen aus. Vorherrschend darunter waren Kohle hoher Qualität, landwirtschaftliche Maschinen, chemische Rohstoffe, Erzeugnisse aus feuerfestem Glas, Halbfabrikate u. dgl. In der Liste „P2“ fanden sich dagegen Produkte, deren Verhandlung nicht durch liberalisierte Vorschriften geregelt war. Sie umfasste die Erzeugnisse landwirtschaftlichen Ursprungs, Haushaltsgeräte, Maschinen für Holz- und Mineralienbearbeitung, Stahlkonstruktionen und Maschinen unterschiedlichster Art. Allgemein betrachtet, exportierte Polen nach Österreich hauptsächlich Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte, während die Ausfuhr der österreichischen Waren nach Polen in verstärktem Maße Maschinen und verschiedenartige Geräte umfasste. Im Ergebnis stieg der Gesamtwert der österreichischen Ausfuhr viel schneller als der des polnischen Exportes nach Österreich an. Während zwischen 1950 und 1968 der Wert des Warenaustausches zwischen Österreich und Polen um 140 Prozent angewachsen war, so nahm der Importwert aus Österreich für diesen Zeitraum sogar um 250 Prozent zu; indessen stieg die polnische Ausfuhr nach Österreich nur um 72 Prozent an. So fiel die Handelsbilanz für Polen grundsätzlich negativ aus. Diese Tendenz verstärkte sich am Anfang der 1960er Jahre.9 Im Jahrzehnt zwischen 1950 und 1960 stieg der Wert der polnischen Ausfuhr nach Österreich um 25 Prozent, der des österreichischen Exportes nach Polen um 58 Prozent. Im Zeitraum von 1950 bis 1970 wuchs der Wert der polnischen Ausfuhr nach Österreich um 148 Prozent, der österreichischen nach Polen dagegen sogar um 326 Prozent. In den 50er und 60er Jahren ist von Jahr zu Jahr sowohl bei den Export- als auch Importwerten prinzipiell ein Anstieg zu verzeichnen, obwohl vorübergehend auch rückläufige Tendenzen im Handelsumsatz nachzuweisen sind (Abb. 1). Die Exportzunahme nimmt jedoch einen gleichmäßigeren Verlauf; viel größere Schwankungen lassen sich beim Import erkennen. Durch dessen rapide Die Handelsbeziehungen zwischen der Volksrepublik Polen und Österreich 9 S i k o r s k i : Polska-Austria, S. 96-99. 189

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