Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Christoph Boyer: Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Österreich und der Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland (SBZ) bzw. der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) (1945-1989/90)
Christoph Boyer Schwerpunktland; der Perspektivplan bis 1970 sah gegenüber dem Stand von 1964 ein Wachstum der Exporte um 60 und der Importe um 40 Prozent vor. Die Gewichte sollten weiter zur Metallverarbeitung verschoben werden; die DDR zeigte sich nach wie vor an Importen metallurgischer Produkte, von Maschinen und Anlagen lebhaft interessiert. Vorgesehen waren steigende Absätze der Chemieindustrie, während der Austausch von Roh- und Grundstoffen auf dem erreichten Niveau stagnieren sollte. Neben den Handelsbeziehungen wurden nun zunehmend Kooperationen unterschiedlicher Art und auf verschiedenen Gebieten von Bedeutung: bereits seit 1954 war die DDR einer der größten Aussteller auf der Wiener Herbstmesse, Österreich war immer eines der wichtigsten Teilnehmerländer auf den Leipziger Messen gewesen. Nun wurden die Verbindungen zwischen den Technischen Universitäten Leoben und Freiburg/Sachsen, zwischen Graz und Magdeburg, zwischen der Kammer der Technik bzw. der Technischen Universität Dresden und dem Österreichischen Produktivitätszentrum auf eine festere Grundlage gestellt. Seit 1965 hatten die Österreichischen Stickstoffwerke mit dem DDR-Außenhandelsunternehmen Chemie zusammengearbeitet; auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1966 wurde ein langfristiges Abkommen zwischen einer Gruppe ostdeutscher Außenhandelsunternehmen und einem Konsortium österreichischer Firmen unter der Federführung der Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke AG (VOEST) vereinbart. Aus dem Jahr 1968 datiert eine langfristige Vereinbarung über den Austausch von Kalidünger gegen Stahl zwischen drei österreichischen Stahlwerken und der DDR-Außenhandelsorganisation. Auch diese auf den ersten Blick uneingeschränkt positiv zu bewertenden Aktivitäten fanden allerdings in der Hauptsache im Roh- und Grundstoffsektor statt. Nur in wenigen Fällen reichte die Kooperation in die technisch elaborierten Sektoren etwa des Maschinenbaues und der Elektrotechnik hinein; das VOEST- Abkommen bewegte sich nur mühsam über das Anfangsstadium von Bekundungen des guten Willens hinaus. Hier, wie überhaupt, waren die oft mangelhafte Qualität der DDR-Produkte und der mangelhafte Service Ursache von Terrainverlusten der ostdeutschen Außenhandelsunternehmen. In nicht wenigen Fällen gelang es der DDR, ihre Partner ziemlich rasch zu enttäuschen; sogar die VOEST hegte schließlich hinsichtlich einer Einbindung ostdeutscher Betriebe in Jointventures gewisse Zweifel.24 Als, nach Rückschlägen in der Folge der österreichischen Wirtschaftskrise von 1967, der bilaterale Handel wieder anstieg,25 blieben grundsätzliche Probleme nach wie vor ungelöst: so war es nicht möglich, die Dominanz des Rohstoffsektors zu brechen; der Maschinenbau und andere Investitionsgüterindustrien der DDR-Planwirtschaft hatten Schwierigkeiten, mit der internationalen Entwicklung in Richtung Elektronik Schritt zu halten. Zunehmend 24 Ebenda.- BArch-B, DL 2, VA/N I 544, Jahresanalyse 1968 der Handelsvertretung der DDR in Österreich, 7.1.1969. 25 BArch-B, DL 2, VA/N 236, Führungskonzeption der Ländersektion Österreich/Schweiz zur Sicherung der Planerfüllung 1969 und des Planvorlaufs 1970. undatiert [ca. Anfang 1969], 176