Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Gertrude Enderle-Burcel: Josef Dobretsberger - ein politischer Grenzgänger im Ost-West-Handel
Josef Dobretsberger - ein politischer Grenzgänger im Ost-West-Handel Ostmärkischen Sturmscharen. 1934/1935 wurde er in den Generalrat der Oesterreichischen Nationalbank berufen. Vom 17. Oktober 1935 bis 14. Mai 1936 war er Bundesminister für soziale Verwaltung im Kabinett Kurt Schuschnigg. Mit Dobretsberger kam „ein anerkannter sozialpolitischer Experte, der dem katholischen Gewerkschaftsflügel zuzurechnen war“ in die Regierung. Neben dem Signal einer „arbeitnehmerfreundlichen Innenpolitik“ sollte auch eine „westorientierte auswärtige Rückversicherung“ eingeleitet werden.19 Die Arbeiterzeitung sah in Dobretsberger aber keine Versöhnungsgeste der austrofaschistischen Regierung. Sie widmete Dobretsberger viele kritische Artikel in den Dreißigerjahren. Auch die christlichen Gewerkschafter empfanden Dobretsberger nicht als Versöhnungsgeste. In einem illegalen Flugblatt hieß es: Wir haben nichts davon, wenn Theoretiker, die von der Not der Arbeiter und Angestellten bestenfalls aus Lehrbüchern wissen, in das Sozialministerium berufen werden, noch dazu Leute, die keinerlei Praxis im Gewerkschaftsleben haben, wie der neue Minister Dobretsberger.20 Die Reaktionen des Auslandes auf die personellen Veränderungen in der Regierung Schuschnigg waren „verhalten positiv“.21 Dobretsberger stand zu dieser Zeit voll auf dem „Boden der ständestaatlichen Österreichideologie“, d. h. der Propagandierung Österreichs „als den besseren deutschen Staat“. „Leise Kritik“ - so Peter Autenrguber - am Ständestaatregime „übte Dobretsberger erst nach seinem Ausscheiden als Sozialminister, nämlich 1937“.22 Dobretsbergers Außenseiterrolle zeigte sich auch an seinen Kontakten zu einem liberalen Kreis um Georg Fleischer. In diesem „aktuellen wissenschaftlichen Zirkel“, in dem linke und rechte Diskutanten zusammenkamen, lernte Dobretsberger u. a. auch Viktor Matejka kennen, „eine der schillerndsten Persönlichkeiten Österreichs“.23 Diese Kontakte und Beziehungen in der Emigration zu späteren Aktivisten der KPÖ bewirkten, dass Dobretsberger nach 1945 „ein differenziertes Verhältnis zur KPÖ hatte“.24 1937/38 war Dobretsberger Rektor an der Grazer Universität. Beim Einmarsch der deutschen Truppen gab er als Einziger unter seinen Kollegen seinen Rücktritt bekannt, Autengruber: Kleinparteien, S 144; Holtmann, Everhard: Zwischen Unterdrückung und Befriedung. Sozialistische Arbeiterbewegung und autoritäres Regime in Österreich 1933-1938. Wien 1978, S. 222 f. " R e i c h o 1 d , Ludwig; Geschichte der christlichen Gewerkschaften Österreichs. Wien 1987, S. 506. 21 Berger, Peter: Im Schatten der Diktatur. Die Finanzdiplomatie des Vertreters des Völkerbundes in Österreich, Meinoud Marinus Rost van Tonningen 1931-1936. Wien-Köln-Weimar 2000, S. 440. 22 Autengruber: Kleinparteien, S. 146; Dobretsberger, Josef: Wirtschaftspoiitische Aufgaben des neuen Staates. Wien 1937, S. 15. 23 Klamper, Elisabeth: Viktor Matejka. Beiträge zu einer Biographie. Diss. Wien 1981, S. 489. 24 Autengruber: Kleinparteien, S. 144. 135