Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Maren Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945-1989. Rahmenbedingungen und einige Aspekte der Außenhandelspraxis

Abspaltung Jugoslawiens erste Risse im sowjetischen Block zeigten, gehörte die KPÖ zu den schärfsten Kritikern der Tito-„Faschisten“. Die Entwicklung zu einer autonomen Partei, die sich kritisch vom real existierenden Sozialismus absetzte, hätte wohl ihre auf den Osthandel abgestellte Finanzierung in Frage gestellt. Das Scheitern der Reformkräfte in den 60er Jahren ist daher auch in Zusammenhang mit der Parteifinanzierung zu sehen. Wer über die Parteifinanzen verfügt, beherrscht den Apparat, wer diesen in der Hand hat, bestimmt die Politik der Partei. So könnte man die These aufstellen, dass die Abhängigkeit der Partei von den Einnahmen aus dem Osthandel die stalinistischen Kräfte in der KP stärkte und damit die politische Selbstfesselung der KPÖ determinierte. 7. Zusammenfassung Das Thema der Osthandelsfirmen ist vor dem Hintergrund der besonderen Lage Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg zu sehen. Zunächst in der Zeit von 1945— 1955 als von der Sowjetunion neben den Westalliierten besetztes Land, danach als neutraler, in die westliche Ökonomie integrierter Staat an der Nahtstelle zweier politischer Weltsysteme. KPÖ-Firmen und Osthandel 1945-1989 Auf Grund der kritiklosen Identifizierung mit den sowjetischen Behörden und der Ausrichtung am Sowjetmodell, war es der KPÖ nicht gelungen, sich einen wesentlichen Platz im politischen System Österreichs zu sichern. Die Auffechterhaltung eines relativ großen Parteiapparates zur Propagierung ihrer politischen Zielvorstellungen erforderte finanzielle Aufwendungen über die traditionellen Finanzierungsquellen hinaus. Mangels anderer Förderungen gewann die Parteiführung diese aus kommerzieller Betätigung im Osthandel. Handeltreiben im Kapitalismus legitimierte sich offenbar durch kommunistische Programmatik. Die Treuhänderfirmen haben sich zu einer Zeit im Osthandel engagiert, als dieser eher boykottiert wurde. Sie übernahmen damit eine Pionierrolle, die in der Tradition der Wirtschaftsbeziehungen Österreichs zu seinen östlichen Nachbarn stand und Wege zu einem Warenaustausch im wechselseitigen Interesse eröffnete. Eine günstige Startbedingung war die durch den Marshallplan erzwungene Westorientierung im Handel, wodurch den Parteifirmen zunächst mehr oder weniger konkurrenzlos das Feld überlassen wurde. Die politische Forderung der KPÖ nach Wirtschaftsbeziehungen mit dem Osten deckte sich mit ihren besonderen Parteifinanzierungsinteressen. Der ihnen als Teil der kommunistischen Weltbewegung erleichterte Zugang zu den Handelspartnern im Osten stellte das wichtigste Gründungskapital der Parteifirmen dar und erklärt auch ihre mit zunehmendem Interesse anderer Firmen am Osthandel weiterhin bestehen bleibende Vermittlerfunktion. Wieweit es darüber 125

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