Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Maren Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945-1989. Rahmenbedingungen und einige Aspekte der Außenhandelspraxis
KPÖ-Firmen und Osthandel 1945-1989 Der frühere Zeitpunkt der handelspolitischen Betätigung wird auch in der autobiografischen Skizze von Jenö Desser bestätigt, der von 1949-1975 den Wirtschaftsapparat der KPÖ leitete und vor allem dafür sorgte, dass die für die KPÖ tätigen Firmen auch Gewinne an die Partei ablieferten.28 3.3. Gründungslegenden? Den Grundstock des KP-Handelskonzems legte offenbar, bestätigt in verschiedenen Quellen,29 der aus englischer Emigration zurückgekehrte Stefan Kaufmann. Er entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie, die vor 1938 Kohlenfirmen in Wien betrieb und Kohlengruben in Oberschlesien besaß. In Fortsetzung dieser Tradition trat er 1947 stellvertretend für die KPÖ als Komplementär in die Firma Polcarbon Österreichisch-polnische Kohlenhandelsgesellschaft KG ein - an dieser waren neben dem polnischen Staat auch private, nicht der KPÖ nahe stehende Gesellschafter beteiligt, deren Geschäftsfeld der Import polnischer Kohle war. Im gleichen Jahr trat er als Gesellschafter in die von drei anderen KP-Mitgliedem gegründete Speditionsfirma Express ein, die sich auf das Geschäft mit Osteuropa spezialisierte. Darüber hinaus soll Kaufmann den Generaldirektor der Länderbank zur Einrichtung einer „Orientabteilung“ angeregt haben, die mit zwei KP-Mitgliedem besetzt wurde. Die Länderbank, da an der Abwicklung der Marshallplanhilfe beteiligt, zog sich von diesen Aktivitäten zurück, bereits angebahnte Handelsgeschäfte wurden dann zunächst im Auftrag einer Tochterfirma der Länderbank, dann durch neu gegründete KPÖ-Firmen weitergeführt: Die Firma Polcommerce Warenhandelsgesellschaft Eduard Gold & Co. versuchte, den gesamten Polenhandel in die Hand zu bekommen und die Firma Wagner & Co. hatte lange Zeit im Handel mit der SBZ/DDR eine Art Monopolstellung. Weiter initiierte Kaufmann 1949 die Gründung der Firma Intrac Gesellschaft für internationalen Warenaustausch und Großhandel mbH., die mit Ungarn und den Balkanstaaten (ohne Jugoslawien) Handel trieb. Zunächst im Lebensmittelhandel tätig, entwickelte sie sich zu einer der Stützen des KP- Handelskonzerns, die mit Kompensationsgeschäften verschiedenster Art, angeblich auch in enger Kooperation mit der USIA, erfolgreich agierte. 1951 errichtete er als Ergänzung zur Polcarbon die Kohlengroßhandelsgesellschaft mbH. „Am roten Turm“. Die vielfältigen Aktivitäten Kaufmanns schienen der Partei jedoch bald 28 Desser, jenö: Mein Lebenslauf. 8. März 1904-8. März 1984. Anlässlich des achtzigsten Geburtstages. O. O. o. J. (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes), maschin- schr., S. 103 f, Muzik - Schano: Das Wirtschaftsimperium der KPÖ, S. 70. Augur: Die große Ebbe. Gredler: Rede 6.12.1961, S. 3 679. Gespräch mit Kurt Menasse vom 4.6.2003 sowie Oskar Rosenstrauch vom 11.6.2003. 115