Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Maren Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945-1989. Rahmenbedingungen und einige Aspekte der Außenhandelspraxis

der sowjetischen Besatzungsmacht, vor allem über die so genannten USIA-Betriebe (USIA - „Verwaltung des sowjetischen Eigentums in Österreich“) ermöglicht bzw. erleichtert worden.20 Diese Vermutungen sind bisher nicht belegt, der Partei ehemals nahe stehenden Experten verneinen einen solchen Zusammenhang.21 Beim derzeitigen Forschungs­stand muss diese Frage daher offen bleiben. Auf Grund des Potsdamer Vertrages sollte auch das deutsche Auslandsvermögen als Kriegsentschädigung der Siegermächte herangezogen werden. In Auslegung dieser Bestimmung wurden ca. 400 Unternehmen in der Sowjetzone Österreichs beschlagnahmt und in einer im Juli 1946 gegründeten Dachorganisation USIA zusammengefasst. Damit wurde das im gleichen Jahr beschlossene Verstaatlichungsgesetz — es sollte eigentlich den sowjetischen Zugriff auf die genannten Betriebe verhindern - nur in den westlichen Zonen umgesetzt. Die USIA-Betriebe waren vor allem dem industriell-gewerblichen Bereich zuzurechnen, der Konzern umfasste aber auch Flandelsbetriebe sowie land- und forstwirtschaftliche Güter. Bezogen auf die Produktionskapazität der Sowjetzone erzeugten die USIA-Betriebe ca. 30 Prozent der Industrieproduktion, 27 Prozent der industriell-gewerblichen Beschäftigten standen bei ihnen in Arbeit. Zusammen mit den ebenfalls beschlagnahmten Erölbetrieben der Sowjetischen Mineralölverwaltung (SMV) und der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG) waren dies ca. 60 000 Personen. Bezogen auf Gesamtösterreich war der Anteil dieser Betriebe weniger spektakulär: auf sie entfielen etwa fünf Prozent der österreichischen Industrieproduktion, wobei sie allerdings in manchen Branchen marktbeherrschende Position einnahmen.22 Die sowjetische Wirtschaftsenklave - der Kontrolle österreichischer Behörden weitgehend entzogen - unterstand direkt Moskauer Behörden. Die obersten Führungsebenen wurden von sowjetischen Direktoren besetzt, die anderen Mitarbeiter in der Dachgesellschaft und in den einzelnen Betrieben waren Österreicher, wobei die KPÖ-Mitgliedschaft für das leitende und mittlere Personal nahe gelegt bzw. vorausgesetzt wurde.23 Der USIA- Komplex stellte ein „Leck“ in der österreichischen Außenhandelssouveränität dar, mit dem die im Osthandel mit der Marshallplanhilfe einsetzenden KPÖ-Firmen und Osthandel 1945-1989 1 Augur (A.A.): Die große Ebbe. Haushaltsorgen der Kommunistischen Partei in Österreich. In: Die Furche Nr. 4, 26.1.1957, S. 3. Toch: Enklave KPÖ, S. 65. Sager: Getarnte Firmen, S. 11. 21 Angaben im Gespräch mit Oskar Rosenstrauch vom 11.6.2003. 22 Klambauer, Otto: Die USIA-Betriebe. Diss. Wien 1978, S. 309, 313. Komlosy, Andrea: Die niederösterreichische Wirtschaft in der Zweiten Republik, ln: Niederösterreich. Land im Herzen - Land an der Grenze, hrsg. von Michael Dippelreiter. Wien-Köln-Weimar 2000 (Geschichte der österreichischen Bundesländer seit 1945. hrsg. von Herbert Dachs, Ernst Hanisch, Robert Rriechbaumer), S. 271-428, hier S. 330 f. 23 Fischer, Emst: Das Ende einer Illusion. Erinnerungen 1945-1955. Frankfurt/M.-Wien- Milnchen-Zürich 1973, S. 160. 113

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