Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“
Andrea Komlosy ausgelaufene MFA sollte die Märkte der Industrieländer vor einer durch plötzlich ansteigende Textileinfuhren aus Billiglohnländem verursachte „Marktzerrüttung“ schützen. Es kontingentierte die Textileinfuhren der Newly Industrialized Countries, legte restriktive Zuwachsraten für ihre Textileinfuhrquoten fest und führte eine mit dem Grad der Verarbeitung ansteigende Zolleskalation auf Textil- und Bekleidungsimporte ein." Neben China, Südostasien und Zentralamerika stellten die osteuropäischen Staaten eine wichtige Wachstumsregion für die Textil- und Bekleidungsindustrie dar. Fünf osteuropäische Staaten waren daher am MFA beteiligt. Die Exportchancen und Exporterlöse von Dritte Welt- und Ostblockproduzenten wurden durch das MFA erheblich eingeschränkt, umgekehrt bestanden zahlreiche Umgehungsmöglichkeiten des komplizierten Kontingentierungs- und Genehmigungsverfahrens.100 Dabei lag es allerdings nicht in der Absicht des MFA, den Reimport von im Ausland veredelten Textil- und Bekleidungswaren zu unterbinden. So lange das zu bearbeitende Produkt im Eigentum des westlichen Auftraggebers verblieb und der Verarbeitungsanteil einen gewissen Prozentsatz nicht überstieg, wurde Zollpräferenz gewährt und der Zoll nur auf die ausländische Wertschöpfung erhoben. Der GATT-Beitritt gewährleistete also, dass die Entwicklungsländer im Süden und Osten ihre Märkte liberalisierten und ihren Außenhandel nach den Spielregeln des GATT abwickelten. Das MFA hingegen bewirkte, dass die allgemeine Liberalisierung in einem für sie strategischen Wachstumssektor dann nicht zum Tragen kam, wenn es sich um Exporte aus regional eigenständigen Unternehmen handelte; dies begünstigte die Konstruktion der Verlagerungsindustrialisierung, in der Konzerne der entwickelten Staaten die Billiglohnländer lediglich als Standorte der Lohnveredelung heranzogen, Konzemsitz, Forschung und Entwicklung, Logistik und Vertrieb jedoch in den Metropolen verblieben. 1975/76 entfielen 16-17 Prozent der mit osteuropäischen Staaten bestehenden industriellen Kooperationen auf Österreich."" Vor allem für Ungarn und Rumänien, die wichtigsten Standorte für Lohnveredelung, ist die Kooperation gut dokumentiert. Belä Bojkö stellt in seiner - geradezu euphorischen - Studie verschiedene Kooperationsvarianten im Bereich der ungarischen Leichtindustrien vor. Die Kooperationen mit Ungarn betrafen die Bereiche Bekleidung, Textil, Leder * S. 99 Ferenschild, Sabine - Wiek, lngeborg: Globales Spiel um Kopf und Kragen. Das Ende des Welttextilabkommens verschärft soziale Spannungen (= Südwind-Texte 14). Siegburg/Neuwied 2004; Kr en zier, Horst Günter: Das Welttextilabkommen als Sonderrechtsordnung des GATT, ln: Hilf, Meinhard (Hg ): GATT und europäische Gemeinschaft. Baden-Baden 1986, S. 225-241. 1(10 Fröbel - Heinrichs - Kreye : Die neue internationale Arbeitsteilung, S. 181 1 ECE, Economic Bulletin for Europe, vol. 29, S. 156 f.; Mc Millan: Forms and Dimensions, S. 36. 100