Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang König: Mit der Eisenbahn auf den Gipfel des Matterhoms

Wolfgang König Bauten, kann diese prinzipiell nicht als ästhetische Konkurrenz zugelassen werden. Wenn die Kurvenlinie von vornherein eine größere ästhetische Qualität besitzt als die Gerade, ist ein Gespräch über die Schönheit von Formen sinnlos. Die 1906 beantragte Matterhombahn, gegen die der Heimatschutz eine mächtige Opposition schmiedete, machte die begrenzte Reichweite des ästhetischen Arguments vollends bewusst. Die Investoren hoben im Konzessionsantrag hervor, dass die Bahn im Innern des Berges verlaufen solle „und daher auch für den Aesthetiker kein Grund zu Einwendungen vorliege.”11 Das Gleiche traf für die anderen damals projektierten Bahnen auf die höchsten Gipfel der Alpen zu - so auf Mont Blanc, Eiger, Jungfrau und Piz Bernina. Von einer optischen Verschandelung ließ sich da schlecht sprechen, wenn man sich nicht auf die aus größerer Entfernung kaum sichtbaren Zwischen- und Gipfelstationen kaprizierte. Weil das Ästhetische nicht mehr griff, rückte der Heimatschutz andere Argumente in den Vordergrund. Die neuen vom Heimatschutz aktivierten Begründungsfiguren interpretierten die Berge als nationales Symbol und postulierten - modern gesprochen - ein Eigenrecht der Natur. Schutz der Natur um ihrer selbst willen bedurfte aber einer Deklaration durch die Menschen und einer metaphysischen Begründung. Letzten Endes beriefen sich die Heimatschützer dabei auf religiöse Vorstellungen von den Bergen als einer besonders - im wahrsten Sinne des Wortes - herausgehobenen Schöpfung Gottes; davon zeugt der inflationäre Gebrauch des Wortes „heilig” in den Streitschriften.11 12 Eine religiöse Interpretation der Berge musste jedoch nicht unbedingt in eine Ablehnung von Gipfelbahnen münden. Als 1898 der erste Streckenabschnitt der Jungfraubahn11 eingeweiht wurde, erteilte der Grindelwalder Pfarrer Gottfried Strasser in seiner Predigt der Bahn in geschickter rhetorischer Wendung den kirchlichen Segen: Die Jungfraubahn! welch hochmütiges, vermessenes, frevelhaftes Unterfangen! ein ruchloses Attentat auf die Majestät Gottes und seiner schönsten Schöpfung! [...] Du sollst Gott, deinen Herrn nicht versuchen! Aber du sollst ihn suchen, darfst ihm auf seinen heiligen Höhen Altäre bauen [...] So will ich dieses glücklich begonnene Werk, diese Bahn, auf welcher die Nationen der Erde zu den strahlenden Zinnen des herrlichsten 11 BA E 53/6:371; Konzessionsantrag v. 4. Dezember 1906. 12 Vgl. zur Geschichte solcher Gebirgsinterpretationen: Groh, Ruth - Groh, Dieter: Weltbild und Naturaneignung. Zur Kulturgeschichte der Natur. Frankfurt am Main 1991, S. 92-149. 11 Vgl. Moser, Patrick: „So wird die Jungfrau zur Demoiselle gemacht“. Projektierung und Bau der Jungfraubahn. Zürich 1997. 80

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