Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse
Barbara Schmucki Es ist interessant zu sehen, dass diese Entwicklung kein rein deutsches Phänomen ist. In den 1980er Jahren wurden in den USA, England und anderswo gleichzeitig Studien zum Thema „Frauen und Verkehr“ veröffentlicht, die erstaunliche Parallelitäten in den Mobilitätsmustem von Frauen in den industrialisierten Ländern zu Tage förderten.40 Eine kürzlich erschienen Studie zur geschlechtsspezifischen Struktur unter Stadtplanem und Stadtplanerinnen in Deutschland wies auf große Unterschiede in deren Einstellung zur Planung hin: Während Frauen stark von kleinräumigen Beziehungen und Bedürfnissen von Nutzerinnen ausgingen, zeichneten sich die Entwürfe der Männer durch markante Gebäude und grossräumige Bezüge aus. Die Verkehrsplanung, von Männern dominiert, zeigt in erstaunlichem Masse ebenfalls dieses Denken in grossen Entwürfen.41 Schlussfolgerungen Zum Abschluss möchte ich in drei Flauptpunkten die eingangs gestellte Frage nach dem Einfluss der Geschlechtsdifferenz auf den Gebrauch und die Bereitstellung von Straßenbahn- und Schienenbahnsystemen beantworten: Männer und Frauen haben und hatten in urbanen Räumen verschiedene Reisegewohnheiten. Um 1900 benutzten vor allem Männer die Straßenbahn. Das änderte sich in der Zwischenkriegszeit als mehr und mehr auch Frauen im öffentlichen Raum der Stadt eine Rolle spielten und die Transportleistungen in Anspruch nahmen. Der Beginn der Massenmotorisierung in den 1950er Jahren überließ Frauen dem öffentlichen Verkehr während Männer in der Mehrheit begannen, Autos zu benutzen. Diese unterschiedlichen Gewohnheiten zwischen Männern und Frauen möchte ich mit dem Begriff des „transportierten Körpers“ erklären. Sobald der Körper in den speziellen öffentlichen Raum des Verkehrsmittels eintritt, wird er nicht nur durch eine technische Umgebung und Bewegung beeinflusst, sondern zugleich auch durch Rollenerwartungen sozial geformt. So war es für Frauen mit langen Röcken nicht einfach, sich in fahrenden Straßenbahnen zu bewegen und gar unmöglich, auf- und abzuspringen. 40 Giuliano, Genevieve: Getting There: Women and Transportation. In: The Technological Woman Interlacing with Tomorrow, hrsg. von Jan Zimmermann. New York 1983, S. 102-112; Lichten- thäler/Clement, Frauen als Verkehrsplaner(innen); Women and Transport Forum. Women on the Move; How Public is Public Transport? In: Technology and Women's Voices, hrsg. von Chris Kramarae. New York 1988, S. 1 16-134. 41 Michel, Sereina: Weibliche Werte, unters Rad gekommen. Verkehrsplanung: Die heutige Ausbildung schreckt Frauen davon ab, in diese Männerdomäne einzudringen. In: Weltwoche 21 (1996), S. 23. 346