Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse

Barbara Schmucki Mitte der 1950er Jahre ließ ein akuter Personalmangel die Diskussion um den Einsatz von Frauen auf Fahrzeugen in der BRD erneut aufleben.29 Ganz anders als nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Erfahrungen mit Frauen jetzt zunehmend positiv bewer­tet.'0 Gleichzeitig setzte eine heftige Auseinandersetzung um ihre rechtliche Zulassung ein. Bedenken artikulierten vor allem Arbeits- und Sozialministerium, Gewerkschaft für Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV) und Arbeitsmedizin. Immer noch hieß es, Frauen seien zum Straßenbahnfahren psychisch und physisch schlichtweg ungeeignet, insbesondere ihr biologischer Rhythmus und die Menstruation, Klimakte­rium und die Fabilität im Frühstadium einer Schwangerschaft wurden als Argumente ins Feld geführt. Wiederum war die andere Körperlichkeit, die „weibliche Natur“, das ausschlaggebende Kriterium, um Frauen auszuschließen. Trotzdem gelang es Duisburg als erster Stadt, im Jahr 1960 Frauen als Fahrerinnen mit einer Sonderbewilligung ein­zustellen. München folgte nach zähen Debatten 1965. Jetzt konnte auf eine Gruppe von Frauen zurückgegriffen werden, die bereits über das technische Know-how verfügten: die Schaffnerinnen. Die Zeitungen waren höchst interessiert an den neuen Fahrerinnen und zeigten Fotos von gutaussehenden Frauen im Führerstand der Straßenbahn, die keineswegs weibliche Attribute (wie etwa die neuste Frisurenmode) missen ließen. Auch die Titelüberschrif­ten der Artikel „Damen am Trambahnsteuer“ oder „Von zarter Hand gesteuert“ beton­ten das feminine an den neuen „Trambahnführem“.’1 Die Befürworter und Befürworte­rinnen von Frauen, die Verkehrsuntemehmen, die Stadtregierungen und der Verband öffentlicher Verkehrsbetriebe (VÖV) argumentierten im Folgenden mit genau diesem typisch Weiblichen, um Frauen das Fahren zu erlauben und hatten schließlich 1972 Erfolg: Das Verbot für Frauen im Führerstand wurde aufgehoben. Der VÖV informier­te deshalb im gleichen Jahr in einem Rundschreiben: Männer wollen verändern, manchmal sogar himmelstürmend vorwärtsdrängend. Frauen wol­len aber das Gegebene erhalten und bewahren. Und gerade hier mag vielleicht die Eignung der Frau auch zur Fahrertätigkeit begründet sein. [...] Die Frau ist wesensmäßig wohl eher geneigt, * 11 29 Birnbaum, Walter: Die Arbeitnehmer in kommunal- und gemischtwirtschaftlichen Nahverkehrsun- temehmen. In: Handbuch der Öffentlichen Wirtschaft. Bd. I. Stuttgart 1960, S. 694; Mooren, Theo: Frauen als Straßenbahnführerinnen. Auswirkungen und Fähigkeiten. Sonderdruck aus Arbeitsschutz 1 (1970). 111 Fehlemann, Hans: Erfahrungen mit dem Einsatz von Frauen und Ausländem als Straßenbahnfahrer. In: Attraktivität und Wirtschaftlichkeit im öffentlichen Personennahverkehr. Bielefeld 1963 (Schriften­reihe fur Verkehr und Technik 18), S. 29 f. 11 Damen am T ra m b a h n s t e u e r. In: Nürnberger Nachrichten (13. 1. 1965); Von zarter Hand gesteuert, ln: Nürnberger Zeitung (29. 1. 1965), beide Artikel in: Archiv Freunde Münchner Tram­bahnmuseum e. V., München. 342

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