Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse

Barbara Schmucki mehr gab es in den 1920er Jahren.22 Hauptindikator für einen Vergleich von Frauen und Männern war die Reaktionszeit. Laut einem Test von 1920 fiel diese bei beiden Ge­schlechtern fast gleich aus. Ein Umstand, den die Wissenschaftler nicht erwartet hatten. Ja die Frauen zeigten sogar etwas bessere Ergebnisse, sie reagierten etwas schneller als die Männer.23 Trotz dieses Resultats konstruierten die Wissenschaftler aber ein Defizit bei den Frauen. Einerseits betonten sie in ihrer abschließenden Beurteilung die große Bedeutung der Menstruation, die es noch zu untersuchen gelte, weil diese die Reakti­onszeit und Fahrtüchtigkeit negativ beeinflussen könnte. Hiermit zogen sie die andere Körperlichkeit heran, um eine andersartige Aufmerksamkeit und Reaktionssicherheit bei Frauen mehr her- denn festzustellen. Weiter wurden durch Einbeziehen von Beo­bachtungen des Verhaltens der Prüflinge rund um den Test auffallende „psychische“ Unterschiede konstatiert. Männer zeigten sich, so die Wissenschaftler, im Gegensatz zu den Frauen durchweg interessierter und verständiger. Frauen, so der Bericht, hätten dagegen Angst vor der technischen Apparatur des Testes und verhielten sich vielfach recht „albern“ und „kindisch“. Diese nicht aus der Testreihe selber eruierten Unter­schiede wurden weiter durch Urteile von Führern und Führerinnen, die bereits prakti­sche Erfahrung mit Frauen im Fahrerdienst hatten, zementiert.24 Deren Beurteilung fällt ausnahmslos schlecht aus. Alles in allem, so das abschließende Urteil der Wissenschaftler, könnten Frauen für den Fahrdienst kaum in Betracht gezogen werden. In erster Linie fehle ihnen die tech­nische Gabe, weil sie durch ihren Körper reduziert seien; sie seien zu schwach, um mit nur einer Hand zu bremsen und im Umgang mit der Technik allgemeiner würden sie auf ganzer Linie versagen: 22 Erstmals überhaupt an Straßenbahnfahrern in Münsterberg. Vgl.: Psychologie und Wirt­schaftsleben. Leipzig 1912, S. 44 ff. Kritisch dazu: Piorkowski, Curt: Beiträge zur psycholo­gischen Methodologie der wirtschaftlichen Berufseignung. Leipzig 1915 (Beiheft zur Zeitschrift für angewandte Psychologie 11), S. 20 f. ln Deutschland waren es vor allem militärische Einrichtungen, die solche Prüfungen machten. Dabei ging es darum, die Fähigkeit zu dauernder vielseitiger Aufmerk­samkeitsleistung und zu schneller und sicherer Reaktion auf wechselnde, oft ganz unerwartet eintre­tende Reize zu testen, um ungeeignete Leute auszuscheiden. 23 Das Sample dieses Tests umfasste 36 Männer und 31 Frauen. Schackwitz, Alex: Uber psychologi­sche Berufs-Eignungsprüfung für Verkehrsberufe. Eine Begutachtung ihres theoretischen und prakti­schen Wertes erläutert durch eine Untersuchung von Straßenbahnführem. Berlin 1920, S. 170. Zu den selben Ergebnissen kam schon ein Test von 1918. Stern, William: Uber die psychologische Eig­nungsprüfung für Straßenbahnfahrerinnen. Leipzig 1918 (Schriften zur Psychologie der Berufseignung und des Wirtschaftslebens 2). 24 Schackwitz: Berufs-Eignungsprüfung, S. 172. 340

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