Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse
Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse sexuelle Belästigung.14 Aufgrund dieses Sachverhalts kann der Schluss gezogen werden, dass das männliche Personal in Straßenbahnen mehr zur Sicherheit der weiblichen Fahrgäste beigetragen hat, als dass Schaffner eine Bedrohung oder ein Unsicherheitsfaktor gewesen sein könnten. Als Angestellte der Transportunternehmen hatten sie die sozialen Codes und Umgangsformen zu garantieren, die nicht nur in offiziellen Regiementen (Dienstvorschriften) bestanden, sondern auch allgemeine sozialgeformte Umgangsformen zwischen Frauen und Männern beinhalteten. Schließlich konstituierten gute Umgangsformen auch den Berufsstolz des Straßenbahnschaffner, den er bei seiner Arbeit zur Schau stellen konnte und der bei Übertretung der Normen gefährdet war. In diesem Sinne funktionierte der Straßenbahnwagen als öffentlicher Raum, der aber etwas Spezielles hatte, denn er war gleichsam ein geschützter und überaus streng kontrollierter öffentlicher Raum, wo soziales Verhalten und soziale Codes festgeschrieben und weitergegeben wurden. Ein Bereich, der von der Verkehrsgeschichte bisher überhaupt nicht beachtet worden ist, ist die Besatzungszeit in Deutschland zwischen 1945 und 1948. In Krisenzeiten, und die Besatzungszeit muss als eine solche angesehen werden, hören tradierte soziale Codes oft auf, ihre Gültigkeit zu haben. Das zeigt sich sogar im Gebrauch der Straßenbahn. Hier ein für sich sprechendes Zitat des Direktors der Dresdner Straßenbahn von 1945: Durch die Verlängerung der Fahrzeit, sind die Schaffnerinnen des Abends länger unterwegs und erhöht den Gefahren ausgesetzt. Bedrohungen mit Schusswaffen auf dem Wagen, auch gegen Fahrgäste, (in diesen Tagen wurde ein Frau, Fahrgast, vom Wagen gezogen und im Dunkeln weggeschleppt) nehmen überhand. Eine Schaffnerin wurde mit der Pistole in eine Wohnung geschleppt, vergewaltigt, um 'A 2 Uhr endlich freigegeben, geriet unterwegs wieder in die Hände von drei Soldaten und wurde wieder dreimal vergewaltigt. Fahrer werden auf dem Wagen bis zum Niederschlag misshandelt und unter den Zwang gesetzt, einen anderen Fahrweg einzuschlagen.15 Solche Attacken waren zu dieser Zeit in deutschen Städten nichts Ungewöhnliches. Sie müssen als Teil der Erfahrungen von Frauen unter der Besatzungsmächten verstanden werden, die erst in jüngster Zeit zum Gegenstand der historischen Forschung geworden sind.16 Es ist hier wichtig festzustellen, dass die allgemeinen Machtverhältnisse 14 Disziplinarverfahren 1908-1933, Staatsarchiv München, RA 62832 und 62833. 15 Dresdner Strassenbahn AG an Bürgermeister Welz, 18. Dezember 1945, Stadtarchiv Dresden, Rat der Stadt, Dez. Technik 26. 16 Insbesondere konzentriert sich die Forschung auf die Übergriffe russischer Soldaten. Vgl. Jaiser, Constanze: Rezension zu: Anonyma, Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945, Frankfurt a. M. 2003. In: H-Soz-u-Kult, 5.12.2003, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-4-138 , 2.2.2004; 337