Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse

Barbara Schmucki bahnen und Bussen durchaus nichts Ungewöhnliches mehr sind, ln meinem Text werde ich mich hauptsächlich auf Deutschland und den Zeitraum von Ende des 19. Jahrhun­derts bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts beschränken. Im ersten Teil „Die Fahrt mit der Straßenbahn/U-Bahn“ werde ich mich einem kaum untersuchten Bereich der Technikgeschichte widmen. Die Fahrt in der Straßenbahn bietet sich an, den Konsum von Technik zu analysieren. Es geht darum, wie die Technik Straßenbahn von den Menschen in der Stadt gebraucht worden ist und welche Auswir­kungen dieser Gebrauch hatte. Im zweiten Teil spreche ich mit dem „Führerstand als Arbeitsplatz“ ein traditionelles Thema der Technikgeschichte an. Wie Menschen mit Technik gearbeitet haben, ist schon lange Gegenstand dieses Faches. Allerdings werde ich dieses Mal die Geschlechterverhältnisse genauer analysieren, um zu verstehen, warum in diesem Bereich Frauen eine viel geringere Rolle als Männer gespielt haben. Im dritten Teil wird es schließlich um die „Planung von Transportsystemen“ gehen, um zu sehen, welchen Einfluss hier Frauen und vor allem wohl Männer mit ihren Vorstel­lungen, was ein gutes Transportsystem ist, auf die Ausgestaltung des öffentlichen Ver­kehrs und damit letztendlich der ganzen Stadt ausgeübt haben. Die Fahrt in der Straßenbahn/U-Bahn Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Fahrgästen sind schon im 19. Jahrhundert gemacht worden. Es gab damals bereits erhebliche Unterschiede in den Fahrgewohnheiten von Frauen und Männern. Eine der wichtigsten allgemein attestier­ten Unterscheidungen ist das Ein- und Aussteigen: Männliche Fahrgäste waren es ge­wohnt, auf die damals noch nicht sehr schnell fahrenden Straßenbahnen aufzuspringen oder aber da abzuspringen, wo sie wollten. Besonders gut konnten sie das tun, wenn die Straßenbahn langsam auf eine Haltestelle zurollte. Aber auch an anderen beliebigen Stellen in der Stadt, sprangen die Herren, so sie sich sportlich genug fühlten, von der Straßenbahn oder schwangen sich auf. Wenn man kurz bedenkt, wie Frauen damals gekleidet waren, nämlich mit langen Röcken, weiten Unterröcken und Korsetten, ist es völlig offensichtlich, dass sie kaum in der Lage waren, es den Männern gleich zu tun. Die Münchner Straßenbahn Gesellschaft vermerkte 1891: [E]s ist das Auf- und Abspringen während der Fahrt auch unbestreitbar mit gewissen Gefahren für solche Fahrgäste verbunden; regelmäßig wird es aber nur von männlichen und jüngeren Fahrgästen oder solchen, welche sich im Besitz der erforderlichen Gewandtheit befinden, geübt.1 Revision der o r t s p o 1 i z e i I i c h e n Vorschriften über den Betrieb der Pferde­bahnen in München § 29, 1B89, Polizeidirektion München, Staatsarchiv München, Pol. Dir. 993. 332

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