Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Rainer Leitner: Eisenbahn-Maschinenfabriken: Orte des Technologietransfers im 19. Jahrhundert
Rainer Leitner 4.8. Die erste Drehstrom-Hochspannungsbahn der Welt Um die Jahrhundertwende zeigten sich die Grenzen des Gleichstromsystems; für elektrische Voll- und Überlandbahnen reichten die leistungsmäßigen Anforderungen nicht aus. An sich war das Prinzip der Drehstromtechnik zu diesem Zeitpunkt bereits weit entwickelt; in Fachkreisen herrschte die Meinung vor, [...] dass die befriedigende Lösung dieser Frage [die Elektrifizierung von Vollbahnen] mit den gegenwärtig bekannten Hilfsmitteln nur mittels hoch gespanntem Drehstrom und Drehstrommotoren bewirkt42 werden könne. Das Drehstromprinzip, das sich durch robuste Antriebsmotoren sowie seiner wirtschaftlichen Stromübertragung über weite Distanzen auszeichnete, erfüllte damit die Bedingungen des Vollbahnsystems. Völlig in Vergessenheit geraten ist die Tatsache, dass die weltweit erste im regulären Betrieb verwendete elektrische Drehstrom-Hochspannungsbahn vom k. u. k. Reichs- Kriegsministerium ausgeführt worden war.4’ Diese Bahn war zwar nur kurz, dafür umso bemerkenswerter: Die in Wollersdorf, in der Nähe von Wien situierte heereseigene Munitionsfabrik besaß eine mit Dampf betriebene Anschlussbahn zum öffentlichen Eisenbahnnetz. Die Bedienung erfolgte dreimal täglich und war insofern sehr unwirtschaftlich, da die Dampflokomotiven den ganzen Tag über unter Dampf gehalten werden mussten, obwohl sie nur wenige Stunden benötigt wurden. Um diesem Ubelstand abzuhelfen, beauftragte man die Firma Ganz, die in der Nähe ein Kraftwerk baute, mit der Elektrifizierung dieser Schleppbahn. Zur gleichen Zeit arbeitete Ganz auch an einem Plan zur Elektrifizierung der in Oberitalien gelegenen Valtellinabahn mit Drehstrom. So errichtete man hier in Wollersdorf eine Anlage nach dem gleichem Prinzip, letztlich auch, um praktische Betriebserfahrungen zu sammeln und diese beim größeren italienischen Projekt umzusetzen. Für die Wöllersdorfer Verhältnisse wäre eine Spannung von 300 bis 500 Volt ausreichend gewesen, die Anschlussbahn führte man jedoch mit 3 000 Volt aus. Kalman Kändos, der Chefkonstrukteur der Ganz-Werke, lud [...] eine fast übermenschliche Arbeit auf sich. Hier wurde gänzlich Neuland betreten, es galt, Pioniertätigkeit zu leisten. Energieversorgung, Verteilung, Fahrleitungen, Triebfahrzeuge, Geräte [...] waren sämtliche Erstleistungen auf diesem Gebiet.44 Im Herbst 1902 ging die Valtellinabahn45 als erste mit Hochspannung elektrifizierte Hauptbahnlinie der Welt in Betrieb. Sie bildete den Ausgangspunkt eines oberitalieni42 Golwig, Fritz: Die elektrische Drehstrom-Hochspannungsbahn in der k. u. k. Munitionsfabrik zu Wollersdorf, ln: Zeitschrift für Elektrotechnik 11 (1902), S. 133-136. 45 Siehe auch Jüllig - Ferstel: Bau und Betrieb elektrischer Bahnen, S. 409-415 44 Vàrvalfi, Tàmas: 50 Jahre elektrischer Zugbetrieb Budapest-Hegyeshalom. Ein Werk Kalman Kändos. ln: Eisenbahn (1983), S. 175-189, hier S. 181. 302