Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Rainer Leitner: Eisenbahn-Maschinenfabriken: Orte des Technologietransfers im 19. Jahrhundert

Rainer Leitner bahnbrechend, und vorbildlich sind viele Einzelteile und Anordnungen für den ganzen Kon­tinent geworden. Eingeengt in der Entwicklung durch einen nur 14 '/2 Tonnen Achsdruck zulassenden Oberbau, gezwungen zu Kesseln größter Abmessungen durch einen nur mittel­wertigen Brennstoff und behindert in der Entfaltung größter Leistungsfähigkeit durch eine Reihe lähmender behördlicher Vorschriften, steht die österreichische Lokomotive da, in der Gesamtleistung selten übertroffen durch die schwersten Auslandslokomotiven, aber nie er­reicht bezüglich des geringen, für die Leistungseinheit erforderlichen Eigengewichtes. Wenn auf irgendeinem Gebiete des menschlichen Ringens und Schaffens, so ist auf dem Gebiet des Lokomotivbaues das Wort am Platze: per aspera ad astral17 3.4. Die Ära Eustach Prossy, Ernst Prossy, Hans Steffan und Karl Schloss Wie so oft, sind auch hier die Epochengrenzen fließend. Der zeitliche Abschnitt be­gann damit, dass Eustach Prossy (1845-1925) 1908 die Nachfolge von Louis Adolf Gölsdorf als Maschinendirektor der Südbahngesellschaft antrat. Louis Gölsdorf hatte natürlich viele Konstruktionen seines Sohnes in den Fuhrpark seiner Gesellschaft ge­bracht, somit dominierte hier im Bereich der Hochleistungslokomotive die Vierzylin­der-Verbundmaschine. So geeignet sie auch sein mochte, zwei entscheidende Nachteile waren ihr jedoch konstruktionsbedingt eigen: Einerseits die komplizierte und daher teure Anschaffung des Vierzylindertriebwerkes mit seiner gekröpften Antriebsachse, andererseits eine auf Grund der im Rahmen liegenden Hochdruck-Innenzylinder schwere Zugänglichkeit und somit umständliche und aufwändige Wartung. Obendrein hatte in der Zwischenzeit die einfache Zwillingsmaschine durch die Möglichkeit der Überhitzung ihren Wirkungsgrad verbessert. Mit Hans Steffan (1877-1939) und Emst Prossy (1877-1964), Sohn von Eustach Prossy, trat eine junge Konstrukteursgeneration in Erscheinung. Einerseits folgte sie teilweise den Prinzipien, die Robert Garbe als technischer Chef der Preußischen Staatsbahnen vorgab. Das heißt, sie bevorzugten die billigere und einfachere Zwillingsmaschine und optimierten diese. Andererseits brach­ten sie für Europa vollkommen neue Innovationen, die sie sich in den Jahren nach der Jahrhundertwende bei einigen Aufenthalten in den USA angeeignet hatten, in die Kon­struktion ein. Mit der Reihe 109 konstruierten sie in Europa die erste dreifach gekup­pelte Schnellzugmaschine, deren Feuerungsbox bei einem Treibraddurchmesser von knapp 1,9 Meter vollständig über den Treibachsen lag. Die thermodynamischen Ver­besserungen dieser Lokomotive waren derart, dass in Hinkunft jede Hochleistungs­dampflokomotive nur mehr nach diesen Usancen konstruiert werden sollte. 17 Gölsdorf, Karl: Lokomotiv- und Wagenbau. In: Geschichte der Eisenbahnen der Österreichisch- Ungarischen Monarchie, Bd. V1/2. Wien-Teschen-L.eipzig 1908, S. 285-348, hier S. 309. 292

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