Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Milan Hlavacka: Frühes Eisenbahnwesen und Technologietransfer in den böhmischen Ländern und in der Habsburgermonarchie 1837-1842
Milan Hlavacka konnte, und dass es unserer Unternehmung nicht anders geht, als jeder anderen Ähnlichen unserer Zeit. Sie können sich unmöglich wundern, dass Vorschläge überschritten worden sind, die man auf so viele Jahre vorhinein machen musste, und über Gegenstände, die ganz neu und bei uns völlig unbekannt waren, wo alles erst erlernt, und jede Erfahrung theuer bezahlt werden musste. Ich sage, Sie können sich nicht wundern, dass dieses geschah, da Sie täglich sehen, wie einfache Bauten, die man hundert Mal auf dieselbe Weise ausgeführt, und für die man genug geübte Hände und erfahrene Leute hat, selten um die präliminierten Kosten hergestellt werden. Ja, wenn Sie die besondem Verhältnisse erwägen, untern denen die Nordbahn ihre Pläne ausführte, so werden Sie sogar eine bedeutende Überschreitung der Voranschläge natürlich finden.'0 Die Nordbahn machte in der ersten Hälfte der 40er Jahre begreiflicherweise eine Zeit der „Kinderkrankheiten“ durch, die aber bald Vorbeigehen sollte. „Schmerzhafte Begegnung“: Eisenbahn und Landbevölkerung in Südmähren in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts Die klassische Transportgeschichte behandelte - und behandelt auch heute noch - vor allem die äußeren, also politischen, ökonomischen, finanziellen oder technischen Umstände der Entstehung der Eisenbahnen und lässt die soziale Problematik und die mental-psychologischen Reaktionen der Gesellschaft oder der Individuen auf die Einführung des Dampfmaschinenbetriebes beiseite. Der Erste, der sich mit der Eisenbahn in der Beziehung zur „Industrialisierung von Raum und Zeit“ im 19. Jahrhundert befasste, war Wolfgang Schievelbusch im Jahre 1977 in seiner wegweisenden Monographie „Die Geschichte der Eisenbahnreise“. Bei der Abfassung der Geschichte der Kaiser Ferdinands-Nordbahn stieß ich u. a. auf Quellen amtlicher Provenienz, die das Kommen der Eisenbahn in Südmähren aus anderer, nämlich polizeilich-behördlicher Sicht verfolgten. Bei einer Betrachtung aus der Perspektive der Zeitgenossen, wie sie Quellen ermöglichten, verlor sich sozusagen die zivilisatorische und allgemein propagierte „progressive“ Rolle der Dampfeisenbahn. Nach diesen Quellen bedeutete die Eisenbahn für den damaligen mährischen Landbewohner eher einen Eindringling, einen Schädiger seines Besitztums und einen Ruhestörer im behaglichen Lebensrhythmus. Das neue Verkehrsmittel brachte den mährischen Bauern tatsächlich vorderhand nichts Positives. Beschwerden, Klagen und schließlich langwierige Streitigkeiten, manchmal sogar gerichtliche Prozesse zwischen den Geschädigten und der Eisenbahngesellschaft tauchen vor allem im Bestand des 10 Protokoll der am 30 März 1 842 abgehaltenen achten General-Versammlung, S. 13 274