Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Peter Wilding: „…dass wir auf der Bahn des Fortschrittes und der Culturentwicklung gerade und vornehmlich durch die Eisenbahnen ganz ungeheuer rasch vorangeschritten sind…“ - Netzwerk Eisenbahn und Knotenpunkt Stadt

aus Eisen und Glas, sondern charakterisiert durch eine merkwürdige Zweiteilung seiner Gesamtanlage: die in Eisen und Glas ausgeführte eigentliche Bahnhalle72, sowie das in Stein ausgefuhrte Empfangsgebäude, jene dem offenen Land, dieses der Stadt zugekehrt. Diese Aufteilung war eine architekturgeschichtliche Novität, „dieses Janusgesicht des großstädtischen Bahnhofs ist ein Resultat von zwei Jahrzehnten Eisenbahnexpansion.“7' Während die Bahnhöfe in ihrer Anfangphase Zweckbauten waren, die auch der Repräsentation dienen sollten, wurden sie besonders in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts immer mehr zu heroischen Bauten, zu Denkmälern dessen, was man ein Jahrhundert später als eine „große Zeit“ beschwor.74 Diese Doppelgesichtigkeit der Bahnhöfe zwischen der neuzeitlichen Eisen-Glas- Architektur und einem überbordenden Historismus hatte sicherlich zum Teil funktionale Gründe: Schließlich war die Dampfentwicklung in den Hallen enorm, und Eisen- und Glas-Bauten ließen sich wesentlich unkomplizierter entlüften. Der Bahnhof war also mehr als ein reiner Zweckbau. Er hatte Symbolcharakter. Man lebte im Bewusstsein, an einer Zeitenwende zu stehen, wie es sie in den Jahrtausenden zuvor nicht gegeben hatte. Exakt diese Zeitenwende galt es, physisch erlebbar zu machen.7' Die klassizistische Gestaltung der Bahnhofsfronten ist sicherlich auch mit dem für das 19. Jahrhundert so charakteristischen Bestreben zu erklären, das industrielle Gesicht der Dinge durch Omamentierung zu verdecken. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang ist „die Vorstellung des Bahnhofs als moderner Nachfolger des Stadttors.“76 Aus der Sicht der Gegenwart sind Bahnhöfe Kulturdenkmäler des industriellen Zeitalters, Kristallisationspunkte, an denen sich Fortschritt und Nostalgie, Fortschrittsgläubigkeit und retrospektive Wehmut ein gedankenschweres Stelldichein geben, „Stationen der Erinnerung“.77 Dies auch deshalb, weil „Brandkatastrophen, Bombenangriffe oder einfach die Schleifung aus bahntechnischen Gründen“7* die ...dass wir auf der Bahn des Fortschrittes und der Culturentwicklung. .. 72 Eisen wurde als heroischer Werkstoff betrachtet, geeignet, in der Symbiose mit Glas erhabene Wirkung zu zeigen. E b e n d a, S. 98 f. Der Londoner Kristallpalast, errichtet für die erste Weltausstellung 1851, war das am meisten bestaunte, weil in seiner Art und in seinen Dimensionen damals völlig neue Bauwerk. Er fand bei den Zeitgenossen großen Anklang und wurde in der Folge häufig nachgeahmt. 74 S c h i v e I b u s c h : Geschichte der Eisenbahnreise, S. 153. 74 Trumler Wagner: Stationen der Erinnerung, S. 99. 75 Ebenda, S. 103. 76 Schiveibusch: Geschichte der Eisenbahnreise, S. 213, Fußnote 9. 77 Trumler Wagner: Stationen der Erinnerung, Umschlagtext. 209

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