Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Peter Wilding: „…dass wir auf der Bahn des Fortschrittes und der Culturentwicklung gerade und vornehmlich durch die Eisenbahnen ganz ungeheuer rasch vorangeschritten sind…“ - Netzwerk Eisenbahn und Knotenpunkt Stadt
es war vor allem der „Kopfbahnhof4, der von der Jahrhundertmitte an das Gesicht der europäischen Großstädte prägte. „An der Peripherie des Stadtzentrums gelegen, empfängt er den Eisenbahnverkehr aus jeweils einer Himmelsrichtung und leitet ihn weiter in die Stadt bzw. umgekehrt.“65 So wie die Städte innerhalb des Netzwerkes Eisenbahn seine Knotenpunkte bildeten, sind die Bahnhöfe zentrale Knotenpunkte innerhalb des städtischen Nahverkehrssystems. Über den Bahnhof erfolgte der „Eintritt in die Stadt“.66 Er ist aber auch ein „Bindeglied zwischen der Stadt und der Reise“.67 * Dabei wirkte er wie eine Schleuse, die den Verkehrsraum der Stadt und jenen der Eisenbahn miteinander verbindet. Die Bahnhöfe wurden überwiegend aus Kostengründen an den Stadtrand der Altstadt gebaut, sie sind - im Unterschied zu den alten Poststationen - kein integraler Bestandteil der Stadt. Allerdings wächst die Altstadt allmählich als erweiterte Innenstadt um sie herum und über sie hinaus, wodurch die für die europäische Stadtentwicklung charakteristische Lage der Bahnhöfe im Herzen der - nun erweiterten - Innenstädte zu erklären ist. Hier handelt es sich um eine nachträgliche Einverleibung der Bahnhöfe durch die Stadt. Die Funktion des Bahnhofs erschöpfte sich nicht allein darin, die Stadt in ein interlokales Verkehrs- und Kommunikationssystem einzugliedem. Im inneren Stadtgefüge wuchs er darüber hinaus zu einem weiteren Entwicklungsschwerpunkt neben der Altstadt heran, der zur Differenzierung des wachsenden städtischen Raumes maßgeblich beitrug.6* In den meisten großen Städten behielten die Kopfbahnhöfe ihre ursprüngliche Funktion. Je nachhaltiger sich der Staat dann mit dem ursprünglich rein privat geführten Eisenbahnwesen identifizierte, desto prunkvoller wurden auch die repräsentativen Bahnhofsbauten in den Metropolen. Bei der Ausstattung der Bahnhofsbauten wurde der repräsentativen und symbolischen Funktion der Bahn also in hohem und wachsendem Maße Rechnung getragen. Weil die Eisenbahnen gerade für die Städte von großer Bedeutung waren, wurde die Größe ihrer Anlagen zum Symbol für ihre Leistungsfähigkeit. Und daraus resultierte dann umgekehrt ein regelrechter Wettbewerb um den größten Bahnhof, der ...dass wir auf der Bahn des Fortschrittes und der Culturentwicklung... oder Tunnels miteinander verbunden werden, was auch die Freigabe der Bahnsteige für den Publikumsverkehr mit sich brachte. König - Weber: Netzwerke Stahl und Strom, S. 198. 65 S c h i v e 1 b u s c h : Geschichte der Eisenbahnreise, S. 154. 66 Vgl. zum Folgenden insbesondere Ebenda, S. 152-157 und S. 158-174. 67 Heller: Der Bahnhof als Metapher, ZB 3. 65 Krabbe: Frühindustrielle „Altlasten“. 207