Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Peter Wilding: „…dass wir auf der Bahn des Fortschrittes und der Culturentwicklung gerade und vornehmlich durch die Eisenbahnen ganz ungeheuer rasch vorangeschritten sind…“ - Netzwerk Eisenbahn und Knotenpunkt Stadt

Eisenbahnen den Industrialisierungsprozess des 19. Jahrhunderts.* 6 Das Symbol des schnellen Fortschritts vereinigte zentrale Innovationen und Materialien der ersten Industrialisierungsphase: Die auf Eisenräder gestellte Dampfmaschine verbrauchte vorwiegend Steinkohle und zog ihre Last auf eisernen und später stählernen Schienen. Erst diese „Verbindung von .selbst beweglicher Maschine’ und Schienenstrecke führte zur ersten Revolution des Verkehrswesens mit allen ihren Konsequenzen.“7 * 9 Eine Bedeutung der Eisenbahn besteht darin, dass mit ihr erstmals jeder (der eine Fabrik noch nie von innen gesehen hatte) mit einer großen Maschine konfrontiert wurde. Aber ihre Bedeutung geht über die Technikgeschichte weit hinaus. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes brachte in erster Linie eine neue Mobilität und hat zu weit reichenden ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen geführt. Die Eisenbahn als das schlechthin revolutionäre Transportsystem des 19. Jahrhunderts hat gesellschaftliches wie individuelles Leben in den Regionen und Städten umstürzend beeinflusst. * Sie hat die Gesamtheit des Landes „vernetzt“ und eine bisher unvorstellbare volkswirtschaftliche Arbeitsteilung möglich gemacht. Sie ist ein „Werk des Kapitalismus“, wie es Werner Sombart 1903 formulierte, und „zugleich das erste industriell-technische System, welches vielen Klassen und Schichten der Bevölkerung einen Nutzen von industrieller Technik versprach.“’ Konkret waren das die Verkürzung der Reisezeit, die Verbindung der Hauptstädte untereinander und mit dem Land und die Beschleunigung des Post- und Warenverkehrs. Jedermann hatte ein Interesse an neuen, besseren Verkehrsverbindungen.10 Der mit der Eisenbahn verbundene Zeit- und Geldgewinn war, gemessen an den bisherigen Transportverfahren, beachtlich. . . .dass wir auf der Bahn des Fortschrittes und der Culturentwicklung... Göttingen 1986, S. 113-136; Headrick , Daniel: Tools of Empire. Technology and European Imperi­alism in the Nineteenth Century; Oxford 1981. 6 Sutcliffe, Anthony: Die Bedeutung der Innovation in der Mechanisierung städtischer Verkehrssysteme in Europa zwischen 1860 und 1914. ln: Stadt und Verkehr im Industriezeitalter, hrsg. von Horst Matzerath. Köln-Weimar-Wien 1996 (Städteforschung: Reihe A, Darstellungen 41), S. 231 - 241. 7 Döbler, Hannsferdinand: Kultur- und Sittengeschichte der Welt. Stadt - Technik - Verkehr. Berlin- Darmstadt-Wien o. J., S. 287. x König, Wolfgang - Weber, Wolfhard: Netzwerke Stahl und Strom. 1840 bis 1914. Berlin 1992 (Propyläen Technikgeschichte 4), S. 171. 9 Ebenda. 10 Der Bau und Betrieb der Eisenbahnen stieß auch auf Widerstand: Der Parlamentsabgeordnete Sir Isaac Coffin fasste seine Bedenken im Eisenbahnausschuss des englischen Parlaments so zusammen: „Die Eisenbahn wird der größte Unfug sein, sie wird die vollständige Störung der Ruhe und des körperlichen sowohl wie des geistigen Wohlbefindens der Menschen bringen, die jemals der Scharfsinn zu erfinden vermochte.“ Zit. n. E b e n d a, S. 172. 193

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