Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Gerhard Strohmeier: Eisenbahn und Raumwahrnehmung

Gerhard Strohineier Die Faszination der Landschaftsbilder von der Eisenbahn aus Führte nicht nur zum „organisierten Blick“ und zu einer beachtlichen Bildproduktion sondern auch zu speziell den Blicken gewidmeten Reiseführern und Reiseerzählungen, die sich dem Blick aus der Eisenbahn widmeten. Für die Semmeringbahn wurden etwa Sitzpositionen im Zug, die Seite mit den besten Aussichten, beschrieben, und auch Hinweise auf die optimale Tageszeit der Reise gegeben: „Morgenbeleuchtung günstiger“.27 John R. Stilgoe zitiert Reisebücher der USA, etwa H. Hussey Vivian’s „A Tour in North America“ (1878) oder Richard H. Davis’ „The West from the Car Win­dow“ (1892), in denen “[T]he best view of railroad scenery” angeboten wurde.* 2* So wurde in der Praxis beantwortet, was im Philosophenstreit als Frage aufgeworfen worden war: Stört die Eisenbahn die Landschaftswahrnehmung? Zerstört sie Landschaften oder fügt sie sich in bestehende Landschaften ein? Sie fügte sich nicht nur ein, sondern sie wertete bestimmte Landschaften auf. Die Eisenbahngesellschaften organisierten und vermarkteten die Blicke in die Landschaft. Wahrnehmung von Landschaft wurde damit erst populär und gesellschaftlich verankert. So manche Landschaften wurden durch die Eisenbahn erst wahrnehmbar und auch tatsächlich wahrgenommen. Die Eisenbahnen wurden damit auch Teil und Instrument eines frühen Marketings von Regionen. 27 Kos: Die Eroberung der Landschaft, S. 41. 2“ Stilgoe: Metropolitan Corridor, S. 255. 190

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