Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Gerhard Strohmeier: Eisenbahn und Raumwahrnehmung

Gerhard Strohmeier werden sollten.21 Bereits durch die Bilder vor dem Eisenbahnbau wurden Landschaften popularisiert, etwa in der Erschließung des U.S.-amerikanischen Westens die Prärie und die Rocky Mountains.22 Neben der Bildproduktion rund um die Errichtung von Eisenbahnen trugen die Bilder für die Werbung um Bahnpassagiere zu einer Popularisierung von Landschaften bei, und zwar in noch weitaus stärkerem Ausmaß als im Stadium der Planung der Eisenbahnlinien. Kalender mit Bildern der Eisenbahn in der Landschaft, von Viadukten und Geländeeinschnitten, von besonderen Aussichten wurden in hunderttausendfachen Auflagen vertrieben, Druckwerke verschiedenster Art warben für die Eisenbahn mit Landschaftsbildern.2' In Bahnhöfen, in den Wartesälen wurden Poster mit Landschaften angebracht. Aber auch in der Eisenbahn selbst, in den Wagons, wurde für Landschaften geworben: die Landschaftsbilder unter den Gepäcksablagen. Die Eisenbahn spielte also sowohl in der Verbreitung von Landschaftsbildem als auch in ihrer Produktion eine große Rolle. Sie brachte Menschen, die Bilder herstellten, an die Orte, von denen aus Landschaften besonders gerne betrachtet wurden. Populäre Blickpunkte wurden auf diese Weise durch die Bahn erschlossen, bzw. wurden Blickpunkte gefunden, die an den Strecken lagen. Die Bahn selbst sorgte dafür, dass diese Orte auch wirklich gut genutzt werden konnten, zur Betrachtung, aber auch zur Herstellung von Bildern. Um den Passagieren den Blick auf die Landschaft zu optimieren, wurden Aussichtsplattformen am Ende des letzten Wagons eines Zuges angeboten: „Capable of holding four chairs, and enclosed by an iron railing, [...]“.24 Auf den Seiten durch Glasfenster vom Fahrtwind. Rauch und Funkenflug geschützt, waren Korbstühle aufgestellt worden, von denen aus die panoramatische Wahrnehmung der Landschaft hinter dem Zug möglich war. 21 „The West as America“, u. a. auch der österreichische Maler John Fery, der im Auftrag der Great Northern Railway eine Vielzahl von Gemälden und Zeichnungen der Landschaft des Glacier Parks herstellte. Freeman, Michael: Railways and the Victorian imagination. New Haven-London 1999, S. 24: “A number of companies were responsible for commissioning artists directly [...]. The outcome was an enormous range of engravings, documenting almost every aspect of the railway’s progress". 22 Die Werbung für den Eisenbahnbau im amerikanischen Western wurde durch eine umfangreiche Bild­produktion unterstützt: “The pictures they drew show a landscape perfectly suitable for the construc­tion of railway tracks.” Strohmeier, Gerhard: Wild West Imagery. Landscape Perception in Nine­teenth-Century America. In: Nature and Society in Historical Context, hrsg. von Roy Porter u. a. Cam­bridge 1997, S. 257-273, hier S. 267. 21 S t i 1 go e : Metropolitan Corridor, S. 158. 24 H. Hussey Vivian zit. nach S t i 1 go e : Metropolitan Corridor, S. 255. 188

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