Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Gerhard Strohmeier: Eisenbahn und Raumwahrnehmung

Gerhard Strohmeier der reichen Schichten der Gesellschaft gegeben war. Die Abteile für die höheren Klassen ähnelten deshalb auch den Kutschen; oder waren, nach Schivelbusch: „auf die Eisenbahn montierte Kutschen“.1' Die niedrigen Klassen reisten ursprünglich in Güterwagen, die mit der Zeit immer mehr möbliert wurden; zuerst noch offen, dann überdacht, hatte die Reise in diesen Wagons noch mehr Verbindung zur äußeren Umwelt, als in den Abteilen. Die Abteile wurden zumeist mit Vorhängen versehen, die nicht nur den Fahrtwind minimierten, sondern auch den Sichtkontakt zwischen Innen und Außen verhindern konnten. Die neuen Wagons der amerikanischen Züge, lang gestreckte Durchgangswagen, ab Mitte des 19. Jahrhunderts Standard in den USA und bei einzelnen europäischen Bahngesellschaften, ermöglichten mehr Bewegung im Innenraum und dadurch mehr Kommunikation innerhalb der Bahn. Beiden Innenräumen der Bahn, dem Abteil und auch dem Durchgangswagen, ist jedoch eines gemeinsam: sie sind Raum, der vom Umraum der Reise radikal getrennt worden war. Zunächst war die Eisenbahnreise, der Blick in den Außenraum, mit einer sehr ungewohnten Wahrnehmung von vorbeiflitzenden Objekten verbunden. Schivelbusch zitiert dazu Jakob Burckhardt, 1840: „Die nächsten Gegenstände, Bäume, Hütten und dergleichen kann man gar nicht recht unterscheiden.“* 14 Die neue ästhetische Qualität des Blicks aus den mit relativ hoher Geschwindigkeit fahrenden Zügen macht Victor Hugo noch deutlicher: Die Blumen am Feldrain sind keine Blumen mehr, sondern Farbflecken, oder vielmehr rote oder weiße Streifen; es gibt keinen Punkt mehr, alles wird Streifen; die Getreidefelder werden zu langen gelben Strähnen.15 Es ist eine durch das Glas der Eisenbahnfenster separierte Wahrnehmung des Außenraums, in der die synästhetischen Qualitäten der Wahrnehmung des Außenraums verloren gehen. Dafür tritt eine verstärkte Wahrnehmung des Innenraums hervor; der Innenraum wird zum Raum der Reise; Reden mit Mitreisenden, Lesen von Reiseliteratur, Schlafen werden spezifische Aktivitäten der Reise und mit ihnen spezielle Wahmehmungsqualitäten, die letztlich die Motive für Luxusreisen in eigens dafür gefertigten Zügen bildeten. Auf der Reise mit der Kutsche war es zumindest die taktil wahrnehmbare Verbindung zur Straße, die zur visuellen Wahrnehmung eine wichtige Ergänzung bot, " Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise, S. 69. 14 Jakob Burckhardt zit. nach Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise, S. 54. 15 Ebenda; vgl. auch die Abbildungen von Wolfgang Kessler in diesem Band. 184

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