Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Gerhard Strohmeier: Eisenbahn und Raumwahrnehmung
Gerhard Strohineier ließen den Wien im Westen strukturierenden Verkehrsring, den Wiener Gürtel, entstehen. Im Süden war es die Schienenführung der Südbahn bis zum Südbahnhof, die die Fortsetzung des Gürtels aufnahm und die inneren von den äußeren Gürtelbezirken abgrenzte. Noch heute stellt der Gürtel eine der wichtigsten inneren Grenzen Wiens dar: Gebietsgrenze, Bezirksgrenze, aber auch Segregationsgrenze. Die von Wien ausgehenden Bahnlinien - vor allem der Süd- und der Nordbahn - wurden bevorzugte Achsen für die Stadtentwicklung; sie waren die Radiallinien, entlang der Otto Wagners „Unbegrenzte Großstadt“ Wien wachsen sollte.9 Auf die räumliche Wahrnehmung der Stadt hatte die Eisenbahn im 19. Jahrhundert durch markante radiale und tangentiale Linienzüge einen wichtigen Einfluss ausgeübt. Sie prägte jene Raumbilder, in denen gerade Linien für den beschleunigten Verkehr der modernen Industriegesellschaft standen und die einen absoluten Vorrang der Bahn propagierten. Trotz Lärm und Geruchsbelästigung zählten deshalb die Gebiete entlang dieser Schneisen bei den modern, industriell orientierten bürgerlichen Mittelschichten zu den bevorzugten Wohngebieten."1 Entlang dieser Linien wurden - in Wien und anderswo - auch die ersten beschleunigten Straßen geführt, die speziell dem Autoverkehr dienten und heute in vielen Städten zu Stadtautobahnen ausgebaut wurden. Die neue Straße der Eisenbahn galt damit als Vorbild und konkreter Wegbereiter der Autobahn, die die Verkehrsentwicklung des 20. Jahrhunderts prägen sollte. Für die Raumwahmehmung haben sich damit grundlegende Veränderungen vollzogen. Eine mit der positiven Bewertung höherer Geschwindigkeit verbundene Orientierung auf die Bewegung in gerader Bahn war ebenso ein Merkmal der neuen Wahmehmungsweise, wie die Wahrnehmung und Akzeptanz der Separierung verschiedener Funktionen des öffentlichen Raumes - „die Auflösung der ursprünglichen Gebundenheiten und Verbundenheiten zu differenzierten Eigenbeständen.“" Daraus ergab sich auch eine positive Bewertung von Bauformen, die die Schienenbahn aus der Umgebung heraushoben. Im modernen Raumbild beschleunigter Bewegung wurden die Bahnbrücken, Geländeeinschnitte, Galerien und Dämme positiv 9 10 11 9 Wagner, Otto: Die Großstadt. Wien 1911. 10 Schneider, Petra - Strohmeier, Gerhard: Raumbildung und Raumbilder einer Straße. Zur Wahmehmungsgeschichte des Wiener Gürtels. ln: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 11,2 (2000), S. 9-48. 11 Simmel, Georg: Philosophie der Landschaft, ln: Heimat, hrsg. von Joachim Riedl. Wien 1995, S. 26- 31, hier S. 27. 182