Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße
Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße werden. Insofern bewirkte das Fest keineswegs nur die bloße „Erhöhung des Lebens auf kurze Zeit“.24 Es wurde davon ausgegangen und bereits mehrfach beschrieben, dass sich das Bedürfnis nach Festigung der Gruppenidentität in bewusst eingeleiteten oder passiv erlebten Zeiten des Umbruchs verstärkte. Das kann unter anderem mit dem intensiven Erleben von Verwundbarkeit und Machtlosigkeit angesichts einer bedrohlich empfundenen Lebenswelt erklärt werden. Die Wahrnehmung der eigenen Person als separates Individuum schwindet dann zu Gunsten des Gefühls, durch Identifikation mit einem Kollektiv Teil eines größeren Ganzen zu werden. Im Umkehrschluss hieße dies, dass dieses existenzsichemde Bestreben mit der Stabilisierung anerkannter individueller und kollektiver Identitäten innerhalb eines nationalen Gefüges an Vehemenz verlor. Wenn sich die unmittelbar nach der Reichsgründung 1871, in einer Zeit großer innenpolitischer Probleme und unübersehbarer Integrationsforderungen, jährlich begangenen Sedans-, Reichsgründungs- und Kaisergeburtstagsfeiem seit Anfang der 1890er Jahre zu Ereignissen vornehmlich der Veteranenvereine beziehungsweise der Schulen reduzierten, kann dies auch damit erklärt werden, dass sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts große Teile des deutschen Bürgertums mit den staatlich-politischen Zuständen und Machtverhältnissen arrangiert hatten. Erst die Umbrucherfahrungen des Jahres 1918 brachten die erlangte Sicherheit erneut ins Wanken. 24 Schultz, Uwe: Vorwort, in: Das Fest. Eine Kulturgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, hrsg. von Uwe Schultz. München 1988, S. 10. Das Ereignis in der Erinnerung der Zeitgenossen zu bewahren, war auch Zweck der im Anschluss veröffentlichen „Festausgaben“ der lokalen Zeitungen. Deren Erzählungen und Photographien überformten das tatsächlich Erfahrene im Sinne der über die Medien Verfügenden. Zudem blieben die ephemeren Feststraßenarchitekturen (die Pforten, die Gipsbüsten und die sorgfältig „beschrifteten“ Stiefmütterchenbeete) meist noch eine Weile im Stadtraum präsent, in der Vitrine zu Hause lag eine Festplakette und im Kinderzimmer das Fähnchen, das am Festmorgen in der Schule ausgegeben worden war. Was also erinnert, was auf Dauer gestellt wurde, war ein angestrebtes, ein „kulturelles Gedächtnis“. Die beauftragten Chronisten glaubten sich einer Realität verpflichtet, die nicht immer in den Eindrücken der Festteilnehmer aufgingen. Die hergestellten „Andenken“ galten in erster Linie als Schaustücke, die vornehmlich den offiziell gewünschten Schein des Ereignisses bewahrten. Vgl. zum Zusammenhang von kommunikativem und kulturellem Gedächtnis: Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 2. Aufl. 1997, S. 48-66. 175