Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße

Silke Satjukow der Bahnhof als Solitär auf. Durch Platzierung und Mächtigkeit seiner Erscheinung forderte er eine besondere Wahrnehmung. Mit seinem Stilgewand wies er auf eine noch gültige Tradition der mit dem Empfangsritual verbundenen Tor- und Triumpharchitektur. Wie jetzt der Bahnhof schloss einst die mittelalterliche Stadtmauer „die Stadt als einen Bereich des Rechts und der Ordnung von der rechtlosen Landschaft“ ab, waren die Menschen doch seit Jahrhunderten daran gewöhnt, „Unheil vom Land, von den Fremden, den Baronen, den Söldnern zu befürchten“.7 Wer ein Stadttor durchschritt, überschritt die Schwelle, die die Grenze zwischen zwei einander entgegengesetzten Welten markierte. Für die Zeitgenossen der Eisenbahn galt die Würde des Portals noch immer. Auch jetzt trugen die Scheitelsteine der Empfangsfassaden Götterdarstellungen. Oft waren es Vulkan als Gott des Flandwerks, Merkur als Gott des Handels und Minerva als Schutzgöttin des städtischen Lebens, der gewerblichen und technischen Kenntnisse. Neben Allegorien wie Atlas, Dampf und Elektrizität deuteten sie sinnfällig daraufhin, dass mit der Welt der Technik ein neuer Lebensbereich außerhalb der Fragestellungen christlicher Theologie entstanden war. Über der menschlichen Ebene aber befanden sich noch immer die Sphären der Götter, welche sie und ihre Tätigkeiten schützten. Die Götter gehörten einer scheinbar überlebten, aber immer noch Sicherheit gewährenden Welt an. Auch die Entwurfs- und Baupraxis der ersten Empfangsgebäude orientierte sich zunächst noch an traditionellen architektonischen Grundsätzen. Wie bei vielen neu zu entwickelnden Bautypen der Industriellen Revolution bildete sich das spezifisch Neuartige erst allmählich heraus. Den zahlreichen Bahnhöfen* * der ersten Generation war eine camouflierende Funktion des Kopfbaues gemeinsam, der kaum Rückschluss auf die Höhe und die Form der Bahnsteighalle zuließ. Später hat man dies mit einem trotz Repräsentationsverlangen empfundenen Unbehagen zu erklären versucht, den noch ungeübten Benutzerinnen des Schienenwegs den Anblick der technischen Details zuzumuten. Definiert man Architektur auch als Wertschätzung von Inhalten, dann weisen erst die Bahnhofsbauten um die Jahrhundertwende auf einen überschwänglichen Enthusiasmus 7 Bra u n fe Is, Wolfgang: Mittelalterliche Stadtbaukunst in der Toskana Berlin 1982, S. 49. * Natürlich umfasste einen „Bahnhof“ neben dem hier beschriebenen Empfangsgebäude auch das Gleisgelände, die Lokschuppen, die Wassertürme und die anderen Betriebsgelände. Erstere hießen umgangssprachlich bald Bahnhöfe, man verstand sie als markantesten Teil der Gesamtanlage 166

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