Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

dieses Erfolgs musste binnen weniger Jahre das gesamte Eisenbahnnetz im Norden Berlins erweitert werden/5 Fasst man die Entwicklung zusammen, so lockten die zu Idyllen verklärten Bauern- und Fischergemeinden an der Ostsee großstädtische Bürger, die für eine bestimmte Zeit dem Trubel der rasch wachsenden Großstädte entfliehen wollten. Dieser Zug an die Küsten der Ostsee beförderte den Ausbau der Verkehrsverbindungen und umgekehrt begünstigten die immer dichter werdenden Verkehrsnetze zwischen den Binnen- und Küstenstädten die Zunahme des touristischen Reiseverkehrs. Die große Zahl der Besucher verwandelte in kurzer Zeit die Bauern- und Fischerdörfer in Touristenstädte und einige, wie Sassnitz, schafften sogar den Aufstieg zu einem luxuriösen Kurort. Aber nicht nur Größe, Gestalt, Sozialstrukturen und gesellschaftliches Leben entwickelten sich dynamisch, auch die aus den Eisenbahnen und Dampfschiffen gebildeten Verkehrs- und Kommunikationsnetze durchzogen immer größere Räume. Diese Netze mit ihren vielfältigen Kommunikationsangeboten boten somit neue Möglichkeiten für das Wohnen und Leben in der Region sowie für das Reisen. Eisenbahn und Stadtlandschaft Bot sich den bürgerlichen Schichten die Möglichkeit, die guten Wohnlagen an der Peripherie der rasant wachsenden Großstadt zu nutzen oder zu Erholungszwecken das „steinernen Meer“ zeitweilig zu verlassen und einige Wochen an der Küste zu verbringen, so blieb dem Gros der Bevölkerung diese Möglichkeit verschlossen. Die Menschen mussten auf ihre Weise mit den Nachteilen der extrem verdichteten Siedlungsräume zurechtkommen. Trotz der frühen und ambitionierten Versuche, das Problem der Wohnraumverdichtung durch einen aufgelockerten Massenwohnungsbau in der Region zu entschärfen, verloren die sozialen und kulturellen Probleme der Großstadt nichts von ihrer Dramatik. Es waren vor allem die literarischen und künstlerischen Strömungen des Naturalismus, Impressionismus und Expressionismus, die sich um die Jahrhundertwende neben den sozialen und politischen Bewegungen mit diesen ungelösten sozialen Problemen, dem neuen Erscheinungsbild der Städte sowie ihrem unfassbaren Größenwachstum intensiv auseinander setzten. Besonders traf dies auf Berlin zu, denn Berlin war nicht nur ein wirtschaftliches und politisches Zentrum, es war auch der kulturelle Mittelpunkt Deutschlands und zog gerade nach der Reichsgründung viele Intellektuelle, Literaten und Künstler an. Es entstand ein eng verwobenes Netzwerk zahlreicher Gruppen und Diskussionskreise. Genau aus diesem 45 Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt 45 Vgl. Bathmann: Die Entwicklung der Eisenbahnanlagen im Norden von Berlin seit dem Jahr 1890. Berlin 1903, S. 5, u. B 1 e y, Peter: 100 Jahre Berliner Nordbahn, S. 122 u. 148. 155

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