Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

Ralf Roth ausschließlich für eine Landhausbebauung zu nutzen.'7 Der Plan Carstenns wie auch die zahlreichen realisierten Villenkolonien geben einen Eindruck davon, in welchen Dimensionen sich damals die „Stadtflucht“ des gehobenen Bürgertums vollzog und wie sehr sie in ihren privaten „Tusculi“ eine Versöhnung von Stadt und ländlicher Natur anstrebten.'* Die rasante Expansion der Großstadt, das sich ausbreitende Meer der Häuser und die Entfaltung der großstädtischen Lebenswelt verursachte großräumige Austauschprozesse und Verkehrsströme. War die Stadt bis tief in das 19. Jahrhundert hinein ein abgeschlossener Siedlungskomplex mit klar umrissenen Grenzen, zerfloss sie nun in die Region. Wie von den Verfassern der ersten Denkschriften vorhergesehen, übernahm die Eisenbahn die Bewältigung der immer größeren Austauschbewegungen zwischen Stadtzentrum, Stadtrand und der Region. In diesem Kontext entstand auch der bürgerliche Massentourismus. Auf der Suche nach Idyllen der Natur Bereits die Denkschriften der Dreißigerjahre hatten wie Newhouse Wochenendfahrten in schöne Landschaften und Heilbäder angepriesen und vorausgesehen, wie sehr dies die Prosperität der Orte in diesen Regionen beflügeln würde. Sechzig Jahre später erreichte dieser Trend in Großstädten wie Berlin eine neue Qualität. Wenn der Mai in das Land zieht und die Tage heisser zu werden beginnen, dann rüstet sich in Berlin alles, was eben die Mittel dazu hat oder zu haben glaubt, um auf einige Wochen die Residenz zu verlassen und irgendwo in ländlicher Stille oder im Getriebe eines modernen Bades lediglich der Gesundheit zu leben. Es dürfte kaum einen Zweifel * 23 ” Vgl. Carstenn, Johann Anton Wilhelm: Die zukünftige Entwicklung Berlins. Berlin 1892, S. 2 u. 52; derselbe: Der Werth meiner Schenkung an den Staat auf Grund des Schenkungsvertrages vom 23. October 1871. Berlin 1890, S. 3. w Allerdings mussten die Wohlhabenden zur Erreichung dieses Ziels in immer entfernter liegende Regionen ziehen, denn die stadtnahen großzügig angelegten Bürgerquartiere trugen sozusagen den Keim der Zerstörung in sich. Die expandierende Stadt mit ihrer kompakten Bebauung drängte nach außen. Nachdem der Siedlungsraum innerhalb des Ringbahnkreises abermals knapper geworden war und die Bodenpreise stiegen, wurde es lukrativ, den Raum außerhalb des Ringbahnbereichs für den Mietwohnungsbau zu erschließen. Deshalb wurde die ursprüngliche Landhausbebauung wieder überbaut. Diesem Trend standen anfangs die Bauordnungen entgegen, doch in den Revisionen von 1892 und 1912 wurden die Bauverbote für Mietskasernen immer mehr durchlöchert oder einfach „Heraufzonungen“ vorgenommen. Exemplarisch kann dies an den Villenkolonien Westend und Friedenau nachvollzogen werden, die beide um 1900 bereits wieder überbaut waren. Vgl. Müller: Verkehrs- und Wohnstruktur, S. 53 ff., 66, 104 ff. u. 114. 152

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