Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Neue Erkenntnisse bei der Beobachtung Anderer Kontingente: Die Tätigkeit des Hauptmanns Carl Wójcik

zu können23“, sollen hier nur die bemerkenswertesten Passagen seiner Beschreibung kurz beleuchtet werden. Die Provinz Zhili, mit 150 000 km2 und etwas 20 Millionen Einwohner,2356 2357 ist in drei Zonen aufzuteilen - den unfruchtbaren Küstenstreifen, die sehr fruchtbare, dicht besiedelte Ebene bis etwas 30 km westlich von Bejing und Baoding und das daran anschließende Mittelgebirge. Als Besonderheit wird das Fehlen von Wäldern oder größeren Baumbeständen erwähnt - und eine specielle Maisart, „Kaulian“2358 genannt, steht bis Anfang October auf den Feldern und stört infolge ihrer Höhe (2-3 m) die Uebersicht in wesentlichem Grade.2359 * Während Winterhaider in seinem Abriss über die naturräumlichen Gegebenheiten des Kriegsschauplatzes abfälligen Äußerungen über die einheimische Bevölkerung vermeidet, lässt sich Wöjcik zu derartigen Bemerkungen hinreißen: Das Wasser ist im Küstenstrich brackig und ungeniessbar. Sonst ist das Wasser auch in allen grösseren Ortschaften, insbesondere in den grossen Städten infolge der großen Unreinheit der Chinesen [!] mit gesundheitsschädlichen Stoffen vermischt und kann als Trinkwasser nicht benützt werden. Selben muss auch für die Benützung als Kochwasser vorerst gut filtriert werden.23“ Besonders auffällig ist die unterschiedliche Schilderung der einheimischen Bevölkerung - die Passagen sollen hier einander gegenüber gestellt werden. Wöjcik: Der Chinese im allgemeinen ist genügsam, ausdauernd, geschickt für sich sehr fleissig, bei gedungener Zeitarbeit aber faul. Er ist falsch und lügnerisch, bei gerechter Behandlung aber anhänglich und leicht lenksam. Von Natur aus ist er intelligent, doch ist diese Intelligenz etwas einseitig. Die Bildung ist im allgemeinen auf sehr niedriger Stufe, aber man findet dennoch in den besseren Kreisen viele hochgebildete Menschen, wenn auch diese Bildung durch Vorurtheile stark versteift ist. Im Verkehre untereinander sind die Chinesen sehr höflich, fast ceremoniell, und selbst der gewöhnliche Lastträger auf der Strasse versäumt es nicht die üblichen Umgangsformen auch unter sich zu beobachten. Trotz der Gutmüthigkeit und Herzlichkeit, welche der Chinese zu entwickeln vermag, ist er andereseits [sic] wieder roh und grausam. Als Machthaber ist er despotisch. Im Ganzen machen die Chinesen den Eindruck eines stark verwahrlosten Volkes bei welchem die Spuren einstiger hoher Intelligenz und hoher Cultur noch nicht ganz verwischt sind. Man findet diese Spuren aber öfter in der Form, als im Wesen und neben den vielen Ueberresten einstiger grosser Kunst, neben der mehrere Jahrtausende zurückreichenden Georg Lehner - Monika Lehner 2356 Vor allem die Frage der Quellen für seine Darstellung muß unbeantwortet bleiben. 2357 Winterhaider (1902), S. 1, nennt zwar die gleiche Einwohnerzahl, gibt aber die Größe der Provinz „Petschili, kurzweg Tschili genannt“ [BeiZhili = „Nord-Zhili“] mit 300 000 km2 an, „wovon die Hälfte innerhalb der grossen Mauer gelegen ist; [...]“. Wöjcik dürfte bei seiner Angabe nur den Teil innerhalb der Mauer berücksichtigt haben. 2358 Es handelt sich dabei nicht um Mais, sondern um Hirse (gaoliang - Sorghum volgare Pers./Mohren- Hirse). Hirse hat zwar maisähnliche Blätter, die Pflanzen unterscheiden sich jedoch in Größe und Fruchtständen wesentlich. 2359 KA, MS/OK 1901 -X-14/2, No. 943, fol. 8r-82r. 23M KA, MS/OK 1901-X-14/2, No. 943, fol. 82r. 605

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