Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte Österreichisch-Ungarischer Diplomaten
des Reiches der Mitte und habe die Absicht die Occupation in Petschili [BeiZhili] solange als möglich andauem zu lassen.2060 Ein Sonderfall: Die chinesische Sühnegesandtschaft in Potsdam Der „Sühneprinz“ Zaifeng Prinz Chun2061 traf am 3. September 1901 in Potsdam ein, wo er vom Stadtkommandanten empfangen wurde.2062 Bereits am folgenden Tag wurde er von Wilhelm II. in feierlicher Audienz empfangen: Derselbe überreichte dem Kaiser ein Schreiben des Kaisers von China und drückte hiebei in einer Ansprache sein aufrichtiges Bedauern über die voijährigen Ereignisse und insbesondere die Ermordung des deutschen Gesandten aus. Der Kaiser von China sei jenen Ereignissen völlig fern gestanden, habe aber doch die Schuld auf seine Person genommen und den Prinzen daher beauftragt, seine innigen Gefühle für Kaiser Wilhelm und sein Haus auszudrücken. Kaiser Wilhelm erwiderte, sein Gesandter sei der auf höheren Befehl erhobenen Mordwaffe eines kaiserlich chinesischen Soldaten erlegen, ein unerhörtes Verbrechen, welches durch Völkerrecht und Sitte gleich verurtheilt werde; er wolle gern glauben, dass der Kaiser von China persönlich jedem Verbrechen ferne gestanden sei, umso schwerer sei die Schuld seiner Ratgeber, die nicht glauben mögen, dass ihnen Verzeihung durch die Sühngesandtschaft [sic!] allein zutheil werde, sondern nur durch ihr ferneres correctes Verhalten; diesfalls würden auch fernerhin zwischen beiden Mächte gute Beziehungen herrschen.2063 In der deutschen Presse wurde die Sühnemission durchwegs nüchtern bis kritisch bewertet. In der „Kreuz-Zeitung“ hieß es: Nachdem der Empfang nunmehr erfolgt ist, erscheint es überflüssig, sich noch länger darüber zu unterhalten, ob der Vollzug der Kotauformalitäten2064 * * * wirklich verlangt worden war oder nicht. Die Empfangsceremonie war auch in ihrer äußerlichen Gewandung derartig ernst gestaltet, daß von einem Zurückweichen vor chinesischen Forderungen keine Rede sein kann. Die bedenklichen Folgen, die aus einer solchen Eventualität allerdings hätten kommen können, sind jetzt kaum noch zu befurchten. Mit einem Umstande freilich wird immer zu rechnen sein, mit der Unmöglichkeit, ganz China davon zu überzeugen, dass die Rolle des Prinzen Chun in Deutschland wirklich die eines Sühnegesandten des ,Sohnes des Himmels1 gewesen ist. Die Art seines hiesigen Empfanges dürfte dabei ziemlich gleichgiltig sein; ist es doch fast ausgeschlossen, daß Jedermann aus dem Volke1 in China überhaupt von der Sühnegesandtschaft etwas erfährt, wie vielleicht heute ganze Gegenden von dem Boxer- Aufstande, von der Invasion der europäischen Truppen entweder gar noch nichts wissen, Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte ... HHStA, P.A. III/158, fol. 50, Szôgyény an Gotuchowski, Bericht No. 37 G, Berlin, 16.7.1902. 2061 Zaifeng Prinz Chun (II.), kaiserlicher Prinz 1. Ranges (1883-1952), MZDC, S. 581; ECCP, S. 385; DJD, S. 80. Zum Aufenthalt des Prinzen in Berlin und zur Sühnemission s. Stefanie Hetze, Feindbild und Exotik. Prinz Chun zur „Sühnemission“ in Berlin. In: Kuo Heng-yü (ed ), Berlin und China. Dreihundert Jahre wechselvolle Beziehungen, Berlin 1987, S. 79-88. 2062 n]-|StA, P.A. III/156, fol. 40', Giskra an MdÄ, Telegramm No. 129 (6 362, Chiffre), Berlin, 3.9.1901. 2063 Ebenda, fol. 42', Giskra an MdÄ, Telegramm No. 131 (8 006, Chiffre), Berlin, 4.9.1901. Der ketou [in der westl. Literatur zumeist als „Kotau“ u. dgl. bezeichnet], ein Akt der Anerkennung der Oberherrschaft des chinesischen Kaiser als Mittler zwischen Himmel und Erde, war von die westlichen Gesandten in China immer wieder als erniedrigend verweigert worden.. Siehe dazu J[ohn] K[ing] Fairbank, S[sü] Y[ü] Têng, On the Ch’ing Tributary System. In: HJAS 6 (1941/42), S. 138 f. 527