Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte Österreichisch-Ungarischer Diplomaten

Georg Lehner - Monika Lehner das seit jeher bestehende intime Verhältnis zwischen Deutschland und Russland, dessen Aufrechterhaltung immer das Hauptbestreben seines Vaters gebildet habe, nunmehr geradezu und derartig untergraben sei, wie man dies seit dem Bestände der preußischen Monarchie nicht für möglich halten konnte.2036 Er ging so weit zu behaupten, dass ihm aus Regierungskreisen in St. Petersburg Nachrichten zugegangen wären, die seine Meinung bestätigten. Über die bilateralen Beziehungen hinausgehend, hatte Bismarck auch die Zukunft des Dreibundes im Blickfeld: Sein Vater habe immer an dem Principe festgehalten, dass ein vertrauliches Verhältnis zwischen Berlin und St. Petersburg insbesondre auch Oesterreich-Ungarn zu Gute käme. Fürst Herbert ist überzeugt, dass dieser Grundsatz auch auf die heutigen Verhältnisse Anwendung finde und dass es keine bessere Garantie für den Frieden in Europa im Allgemeinen und insbesondere für die Sicherheit Oesterreich-Ungam’s geben könne, als wenn zwischen Russland und Deutschland ein freundschaftliches Einvernehmen besteht.2037 Herbert von Bismarck empfand die Bemühungen und Anstrengungen des Reichskanzlers, die deutsch-mssischen Beziehungen zu verbessern, als unzureichend. Dem widersprechend, berichtet Botschafter Szôgyény: Dass Graf Bülow nichts unterlässt, um dem allgemeinen Wunsche zu entsprechen und das freundschaftliche Verhältnis zu Russland wieder in die alten Geleise zu bringen, ist wohl zweifellos; sein hauptsächlichstes Bestreben ist demzufolge zur Zeit jenes, die chinesischen Angelegenheiten je eher einem befriedigenden Ergebnis zuzuführen, da es ja vor allem diese gewesen sind, welche auf die guten Beziehungen der beiden Nachbarreiche einen trüben Schatten geworfen haben. Die deutsch-russischen Differenzen, die auf dem Kriegsschauplatz in Nordchina offensichtlich geworden waren und zu denen auch die Streitigkeiten über die in Berlin geplante Erhöhung der Getreidezölle2038 beigetragen hatten, wurzelten nach Ansicht des österreichisch-ungarischen Botschafters im Gegensatz zwischen den beiden Herrschern: [Es] sind eine ganze Reihe von Imponderabilien zu verzeichnen, die dazu beigetragen haben, die beiden Herrscher, deren Charakter-Eigenschaften ohnehin nicht sehr congruiren, in letzterer Zeit noch mehr von einander zu entfremden [...] und ich möchte unter Anderem nur auf die vom russischen Hofe immer mit scheelen Augen gesehene Freundschafts-Demonstration zwischen Kaiser Wilhelm und König Edward r...l hinweisen [,..]2039 Diese Annäherung zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien wird auch aus London bestätigt: Wenn die ‘Neue Freie Presse’, wie der Standard Correspondent aus Wien gemeldet hat, behauptet, dass Kaiser Wilhelm heute als der populärste Mann in England angesehen werden könne, und dass König Eduard alles gethan hat, was in seiner Macht HHStA, P.A. III/155, fol. 33, Szôgyény an Gotuchowski, Bericht No. 3 A-F Vertraulich, Berlin, 16.1.1901. 2037 Ebenda, fol. 34, Szôgyény an Gotuchowski, Bericht No. 3 A-F Vertraulich, Berlin, 16.1.1901. 2038 Ebenda, fol. 299', Szôgyény an Gotuchowski, No. 8 E Vertraulich, Berlin, 23.2.1901. 2039 Ebenda. Eine dieser „Demonstrationen“ war das Auftreten des deutschen Kaisers bei den Trauerfeierlichkeiten für Queen Victoria. Cf. HHStA, P.A. 111/155, fol. 206'-217v, Aehrenthal an Gotuchowski, Bericht No. 11 A-D Vertraulich, St Petersburg 19./4.2.1901. 522

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