Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen

Georg Lehner - Monika Lehner Die Regierung Großbritanniens wies Sir Ernest Satow an, seinen Kollegen eine neuerliche Änderung des Artikels 2 vorzuschlagen1709 und ermächtigte ihn, den Bedin-gungen zuzustimmen - jedoch mit dem ausdrücklichen Vorbehalt [...], dass die großbritannische Regierung trotzdem an dem Verlangen festhält, dass wenigstens die Haupträdelsführer hingerichtet werden [...]. Die deutsche Regierung wies ihren Vertreter an, die modifizierte Note zu unterzeichnen - jedoch nur dann, wenn auch Sir Emest Satow diese unterzeichnet.1710 Wie Graf Kinskÿ berichtete, dürfte die russische Regierung mit dem Effekt ihrer Änderungswünsche — mit der dadurch verursachten Verzögerung - durchaus zufrieden gewesen sein: Im Auswärtigen Amte ist man bis auf Weiteres mit dem Gange der Verhandlungen in Peking sehr zufrieden und meint selbst Deutschland, England und Frankreich zu einer etwas schonenderen Behandlungsweise der chinesischen Regierung bekehrt zu haben. — Unzufrieden ist man damit, dass alle Details der Verhandlungen der Vertreter in Peking gleich der Öffentlichkeit Preis gegeben werden, da die Befürchtung nahe liege, dass hierdurch in China der Eindruck der Uneinigkeit hervorgerufen werden könnte und mißt hierfür die Schuld vor Allem dem Amerikanischen Auswärtigen Amte zu.1711 Unter den diplomatischen Vertretern in St. Petersburg war man überzeugt, die Regierungen hätten erkannt, dass es um so weniger wünschenswert!! erschienen müßte ein Ultimatum an China zu stellen, dessen Bedingungen Letzteres vielleicht wirklich nicht erfüllen könnte, als es doch keiner Macht erwünscht erscheinen kann, einem solchen Ultimatum im Falle der Nichterfüllung auch eine formelle Kriegserklärung nachfolgen lassen zu müssen.1712 Kinskÿ war zu der Auffassung gelangt, dass der in St. Petersburg so beliebten Accentuirung einer Theilung - in ein die chinesische Regierung schonendes Lager |:Russland, Japan und Amerika:| - und eine dieselbe stürmisch brüsquirende Fraction der Mächte |: Deutschland, England und selbst auch Frankreich:!1713 durch die geschickte Politik Bülows der Boden entzogen worden war. Die Frage, in welcher Form die Note übergeben werden sollte, war zwar lange umstritten, doch fiel schließlich am 10. Dezember 1900 eine einstimmige Entscheidung: es sollte eine Kollektivnote geben, die den Bevollmächtigten Chinas in einer Sitzung übergeben werden sollte.1714 1709 Um das Strafmaß zu charakterisieren, sollten die Worte: „welche für die verübten Verbrechen die passendste Sühne bieten würden und das beste Mittel, um dem Wiederholung zu verhindern“ eingefügt werden. Siehe Ebenda, Deym an MdÄ, Telegramm No. 173 (5 020, Chiffre), London, 10.12.1900. 1710 Ebenda, Deym an MdÄ, Telegramm No. 173 (5 020, Chiffre), London, 10.12.1900. 1711 HHStA, P.A. XXIX/22, Kinskÿ an Gotuchowski, Bericht No. 78 B, St. Petersburg, 8.12./26.11.1900. 1712 1713 Ebenda. Ebenda. 1714 Sir Emest Satow stimmte mit Vorbehalten zu, da er noch keine entsprechenden Instruktionen hatte. (ACNP, 12e séance, 10.12.1900 [38]). Der k. u. k. Botschafter in London meldete dazu am 11.12.1900: „Es wurde mir vertraulich mitgeteilt, daß der englische und der deutsche Vertreter in 456

Next

/
Oldalképek
Tartalom